Al’Legne in Freyr: Alpine Abenteuer über der Maas

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Blick auf die Maas in Freyr

Erschöpft, aber zufrieden tunke ich mein Kartoffelstäbchen in die andalusische Soße. „Auf uns!“, proste ich Heni zu, bevor ich einen Schluck hinterher spüle. Die Wand liegt mächtig vor uns. Im Tal funkelt die sich senkende Sonne im Fluss. Mit Fritten und Bier feiern wir unser überstandenes Bergabenteuer in Freyr.

Dauertremor weit über der Sicherung

Wenige Stunden ist es erst her, dass wir auf Leben und Tod mit jedem Quadratzentimeter Fels vor uns kämpften. Letzte Seillänge. Die Letzten quälenden 30 Meter, die uns vom Gipfel, von der Erlösung aus dieser Wand trennen. Die Nerven sind schon völlig blankgelegt. Zittrig kletterte ich vom Stand los. Ob meine angekratzte Psyche oder die körperliche Erschöpfung diesen Dauertremor ausgelöst hat, weiß ich nicht, macht auch nichts, habe ihn inzwischen als selbstverständlich akzeptiert. Die ersten zehn Meter gehen vergleichsweise problemlos, geradezu schon entspannt für diese Route. Ich gelange an eine überhängende Verschneidung. Selbstverständlich ordentlich speckig, selbstverständlich ordentlich über der letzten Sicherung. Sieht nicht so schwer aus, denke ich. Doch auch hier wiederholt sich die Geschichte dieser Route: weit gefehlt die Einschätzung.

Stemmen, pressen, stützen

Mich mitten in der Crux wiederfindend, entdecke ich eine hauchdünne Alibi-Sanduhr, die ich schnell fädele, um mich in eingebildeter Sicherheit wiegend laut stöhnend hoch zu stützen, zu pressen und zu stemmen. Mit fast zum Spagat gespreizten Beinen wage ich einen Blick hinunter und entdecke meine frei baumelnde Reepschnur mitsamt Expressschlinge. Sie war wohl noch dünner als gedacht, die Sanduhr. Inzwischen ungesund weit über der letzten Sicherung stehend entschließt sich meine Physis, mit einer Ganzkörpernähmaschine gegen die unkomfortable Position zu rebellieren. Leichte bis mittelschwere Hysterie steigt in mir auf. „Jetzt komm mal wieder runter“, schreie ich mich selbst an, während ich versuche, mit unkontrolliert vibrierenden Händen den 0,75er-Cam in eine völlig ungeeignete Ritze zu stopfen. Als er dort irgendwie hängen bleibt, wuchte ich mich unter nicht zu rezitierendem Wortschwall zum nächsten Haken. Die verbleibenden Meter waren reiner Genuss. Meint: Ich habe kein Mal mehr um mein Leben gefürchtet. Etwa 20 Minuten später erscheint Heni mit zum Sieg empor gerissenen Armen auf den Gipfelgrat von Freyr. Erleichterung steht ihr in Großbuchstaben ins Gesicht geschrieben.

Ausstieg über den Gipfelgrat

Der Ausstieg über den Gipelgrat in Freyr ist nicht schwer, hat aber schönes, alpines Flair. © Outdoortraum

Tapfere Belgier

Wo kann man solche Abenteuer erleben? Marmolada? Nee. Eiger? Weit gefehlt. Kaiser? Ganz kalt. Der funkelnde Fluss ist die Maas. Die Wand, die wir uns emporgekämpft haben, nennt sich Al’Legne und gehört zu den Rocher de Freyr in Belgien. Die Route: eine Kombination aus den drei klassischen Routen „L’amour“ (2 SL,TD oder 5c+/6a), „Le chainon manquant“ (1 SL D+ oder 5c) und „Le Lecomte“ (2 SL, TD oder 5c+). Stand nicht schon bei Asterix geschrieben: „Julius Cäsar hat gesagt, von allen gallischen Stämmen sind die Belgier die tapfersten?“

Kurztrip nach Freyr

Doch blicken wir an den Anfang dieser Odyssee. Ein Kurztrip führt uns nach Freyr. Beide, Heni und ich, fühlen wir uns fit für diese fünf Seillängen. Vage Erinnerungen habe ich an einzelne Teile der Route, doch inzwischen wesentlich erfahrener und mit für Belgien vergleichsweise vielen Camelots behängt, fühle ich mich mehr als gewappnet. Ebenso Heni, gerade gut im Training. Erfolgreiche Tage in der Eifel geben Mut für die Unternehmung.

Doch schon die erste Seillänge stimmt uns mit einem Piaz-Fingerriss, Speck unter den Füßen und Händen sowie wenigen, oft schwer einzuhängenden Haken auf das Kommende ein. Mit zum Platzen aufgepumpten Armen erreiche ich den Stand. Was für ein Start. In Vorausahnung studiere den Topo schon mal nach dem Chickenway, um die noch etwas schwerere zweite Seillänge umgehen zu können.

Durch die Vegetation klettern

Am Anfang geht’s noch ganz leicht … und ein bisschen durch den Gemüsegarten. © Outdoortraum

Nicht auskneifen!

Trotzdem auch Heni ihren Kaltstart in dieses Dauergepresse wenig erquicklich findet, besteht sie auf der Fortführung der Originallinie. Okay! Dann will ich auch nicht kneifen. Was ich davon habe, weiß ich, als ich kurz später unter einer überhängenden Rissverschneidung ankomme. In einer Seillänge, die in der Bewertung weit unter meinem Limit liegt, keine Ahnung zu haben, wie ich auch nur einen Zentimeter vorwärts komme, kommt mir etwas befremdlich vor. Die Verteilung der Sicherungspunkte übrigens auch. Nach einem lange andauernden, unerbittlichen Kampf zwischen mir und dem Riss kann ich einen Sieg verbuchen. Entgegen allen Instinkten bleibe ich der Freikletterethik treu und ringe dem Felsen unter ausschließlicher Nutzung von natürlichen Halte- und Trittmöglichkeiten Millimeter für Millimeter ab. Die Ästhetik bleibt hierbei eindeutig auf der Strecke. Zeitweiseweise stecken sämtliche Gliedmaßen gleichzeitig im Riss.
Wie auch immer es geschah, irgendwann stehe ich in angenehm gestuftem Schrofengelände und kletterte in Zeitlupe zum Stand. Obwohl ich Heni nicht sehen kann, weiß ich, dass sie es mir gleichtut. Die ersten Meter ziehe ich gleichmäßig Seil ein. Just dort, wo ich am Riss unter dem Überhang ankam, wird kein Seil mehr frei, um es einzuziehen. Neben diversen Schimpfwörtern dringt nur ein gelegentliches „Zu!!“ zu mir hoch. Piazzen? Klemmen? Eindrehen? Ägyptern? Keine Lehrbuchtechnik kann es mit dieser 5c-Kletterstelle aufnehmen. Die Zeit am Stand wird endlos. Endlose Zeit, um über die kommenden Längen nachzugübeln …

Hohe Wand in Freyr

Die eindrucksvolle Wand von Al’Legne in Freyr © Outdoortraum

„Le Lecomte“

Trotz weiterer Auskneifmöglichkeiten gehen wir tapfer weiter auf unserer Linie. Eine kurze, geradezu entspannte 5c-Länge führt uns zum Herzstück der Route „Le Lecomte“. Ein Doppeldach gilt es hier zu überwinden. Da können ja nur riesige Kellen warten, ist ja schließlich mit 5c+ bewertet.

Der Optimismus ist schnell dahin. Schon auf dem hakenlosen Stück zum ersten Rosti hat sich jegliches Selbstbewusstsein verabschiedet. Diverse Friends haben Behausung hinter hohlen Schuppen und in seichten Löchern gefunden. Dabei wäre etwas Nervenstärke auf der diffizilen, ach ja, und schlecht gesicherten Platte ganz nützlich. Trotz erheblichem Flattermann komme ich unter dem ersten Dach an. An einem großen Speckband traversiere ich nach links und schiebe mich ausnahmsweise einigermaßen elegant über das Dächlein. Ich finde mich auf dem Speckband stehend, die Hände tief im Untergriff im Dachgrund versenkt wieder. Nachdem sie mein Zögern bemerkt, schlägt Heni vor: „ Nach links? Da ist ein guter Haken!“ „Gute Haken gehören nicht zu dieser Tour. Rechts oben sehe ich einen rostigen! Das müsste der übernächste sein. Den dazwischen sehe ich nicht!“ Kein Wunder, es gibt keinen Haken dazwischen.

„Schaff den Zug!“

„Jetzt reicht es,“ denke ich. „Jetzt setze ich mich rein!“ Da ich innerlich bereits 1.000 Tode in dieser Route gestorben bin, ist es wohl an der Zeit, den Beelzebub nicht weiter herauszufordern. Während ich über die verlockende Möglichkeit nachdenke, zum Haken abzuklettern, zum Stand umzukehren und abzuseilen, tastet meine Hand über den Felsen oberhalb des Dachs. Wie magisch angezogen taucht mein Mittelfinger plötzlich bis zum Anschlag in ein Einfingerloch. „Ich probiere mal was!“, höre ich mich nach unten rufen. Einen Moment ausblendend, dass ich mich wieder einmal weit über der letzten und weit unter der nächsten Sicherung befinde, schwinge ich meinen rechten Fuß auf einen guten Tritt über der Dachkante und beginne, mich aus der fast horizontalen Position auf den Fuß zu schieben. Wie mir Heni später verrät, wiederhole nicht nur ich das Mantra: „Schaff den Zug! Schaff den Zug!“ Eine riesige Kelle ist die Belohnung für den Mut und noch zwei weitere führen mich zum Stand. Heni folgt. Geradezu mühelos turnt sie die Platte hoch, doch unter dem Dach ist erst mal Schluss. Doch auch sie hat inzwischen einen stoischen Trotz entwickelt und arbeitet sich unter Geschimpfe und Gezerre Stück für Stück über das Dach bis zu mir hoch.

Hoch über der Maas klettern

So hoch über der Maas möchte man nicht gern abstürzen. © Outdoortraum

„Jetzt wird’s leichter! Eine Länge nur noch“, mache ich uns Mut. Und ganz naiv glaube ich an meine Worte. Bis ich mit Ganzkörpernähmaschine, rausgebrochener Sanduhr und windigem Friend in einer überhängenden Verschneidung aufgespreizt stehe und leichte bis mittelgradige Hysterie in mir aufsteigt.

Gipfelbier über der Maß

„Prost! Auf uns!“ Die Maas funkelt in der sich senkenden Sonne. Die Wand des Al’Legne in Freyr thront gewaltig über dem Fluss. „5c+! Die spinnen die Belgier!“ „Nee, Julius Cäsar hat gesagt, von allen gallischen Stämmen seien die Belgier die tapfersten.“ „Morgen Plaisier, oder?“, frage ich Heni.

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