Im Test: Kletterschuh Drago von Scarpa

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Grip

Bastian Schweinsteiger hat seine gesamte Profikarriere die Schienbeinschoner aus seiner Juniorenzeit getragen. Mario Gomez trug immerhin die letzten 16 Jahre dieselben. Thomas Müller konnte dem Zeugwart sogar die Beinschützer von Poldi abschwatzen. Gerd Müller, der Bomber der Nation, vertraute mit Schuhgröße 38 auf sein Lieblingspaar der Größe 41. Und nicht zuletzt kennen wir diverse Trainer, die nach siegreichem Durchgang wochen- und monatelang auf Pulli, Krawatte oder andere Kleidungsstücke vertrauen, net wahr, Jogi? Alles um ein wenig Fortune heraufzubeschwören!

Es kann nur einen geben. Oder?

Warum ich das alles erzähle? Ich fühle mich einfach besser mit meiner eigenen Marotte. Habe ich nämlich einmal ein Erfolg versprechendes Paar Kletterschuhe gefunden, muss ich dieses in fast manischer Art wieder und wieder kaufen – im festen Glauben, mein Klettererfolg, nein, mein Kletterleben hinge von diesem einem Modell ab. Als vor Jahren der Hersteller meines Leib-und-Magen-Modells dessen endgültiges Herstellungsende verkündete, sah ich damit auch mein Klettersportende gekommen. Das Geld für neue Kletterschuhe investierte ich folgerichtig in Boulekugeln und eine Flasche Wein und bereitete mich auf eine Karriere in der zweitschönsten französischen Nationalsportart vor. Doch dank eines Insidertipps („Pst, es gibt einen Schuh, der auf den gleichen Leisten hergestellt wird.“) fand ich eine vertretbare Alternative, die nun schon wieder viele Jahre meinen Fuß in der Vertikalen ziert.

Der Drago klettert nicht nur gut, er sieht auch noch toll aus dabei.

„Befreie dich von allen Zwängen!“, dachte ich wohl bei mir, als ich kürzlich meinen ganz nett bezahlten und sicheren Job kündigte, um nächsten Monat mit meiner Liebsten in den Bus zu steigen und auf unbestimmte Zeit Europas Vertikalwelt zu bereisen. „Befreie dich von all deinen Zwängen!“, dachte ich wohl auch, als ich letztes Wochenende im Shop eines Kölner Boulder-Ertüchtigungszentrums meinen Fuß in den Drago von Scarpa gleiten ließ.

Der Drago – zitronengelb und bananenkrumm

Meine bisherigen Kletterschuhe waren Pink, Braun, Ziegelsteinrot und Blau. Man kann also davon ausgehen, dass ich nicht allzu eitel in Bezug auf das äußere Erscheinungsbild von Kletterschuhen bin. Trotzdem konnte ich mir, als ich den neuen „Drachen“ vom renommierten italienischen Schuhmacher entdeckte, ein leises „Geil!“ nicht verkneifen. Feuerrot und Zitronengelb und ein Krümmungsgrad weit über dem zulässigen für EU-Bananen (siehe Verordnung EG Nr. 2257/94) lassen auf den ersten Blick erahnen, dass der Drago ein echter Ferrari unter den Kletterschuhen ist.

Zitronengelber High-Performance-Schuh in der „Zitrone“.

Einmal reingeschlüpft saugt der Schuh meine Zehen, insbesondere den dicken Onkel, geradezu in die richtige Position. Sofort fällt auf, dass hier das zusammenkommt, was ich bei einem Kletterschuh suche. Gute Passform, eine starke Asymmetrie für steile, präzise Fußarbeit und eine butterweiche Sohle für das perfekte Gefühl auf noch so kleinen Tritten.

Faktencheck

Bei so viel Liebe auf den ersten Blick habe ich natürlich einmal ein paar Facts zu dieser High-End-Waffe gesammelt:

• Die Arbeitsseite des Drago besteht aus einer Sohle aus 3,5 Millimeter dickem „Vibram XS Grip 2“-Gummi.
• Ergänzt wird die Sohle durch eine flächige Gummierung auf der Oberseite, das Toepatch, für perfekte Hook-Performance.
• Ein weiches, elastisches Obermaterial aus Mikrofaser legt sich sockengleich an den Fuß.
• Die PCB-Tension-Konstruktion sorgt für Spannung vom Zeh bis zur Ferse. Das soll für mehr Präzision beim Antreten und ein niedrigeres Gewicht sorgen.
• Bei Größe 40 bringt der Schuh laut Hersteller 200 Gramm auf die Waage. Na, besser der Schuh nimmt ab, als dass ich abnehmen muss.
• Die Verklebungen der Einzelteile, die Nähte und die Passform sind auf höchstem Niveau. Schließlich wird bei Scarpa alles einzeln per Hand und in Italien zusammengebaut!

Aber kann dieser Schuh denn auch das, was ich von ihm erwarte? Kann er besser klettern als ich?

Mit dem Toepatch kann man sehr gut hooken.

Drago im Felsentest

Der erste Test fällt etwas ungewöhnlich aus. Nicht ein Tag im Projekt soll mir das neue Schuhwerk näher bringen, sondern ein Kletterkurs für Einsteiger, den ich als Ausbilder begleitete. Kein Gerolsteiner Dolomit, kein südfranzösischer Kalk, kein Traumsandstein aus Fontainebleau oder gar ein wenig Grit, nein Kiesel in der Nordeifel sind die erste große Herausforderung des frisch formierten Duetts Frank/Drago.

Reibungstest

Auch heißen unsere ersten Klettermeter nicht „Freundschaft“ oder „Parabolika“. Erst recht nicht „Carnage“ oder „Gaia“. Es ist das „Rechte Terrassenwändchen“ und der „Bananenweg“ mit denen wir es aufnehmen. Und das erfolgreich.

Als ich in den Schuh reinschlüpfe, sitzt dieser so bequem, fast schon gemütlich, dass ich kurz denke: „Der ist zu groß!“ Doch ganz im Gegenteil fühlen sich die ersten Klettermeter an, als hätte den Schuh schon jemand für mich eingeklettert. Perfekt sitzt mein großer Zeh in der Spitze. Die weiche Sohle erlaubt mir präzises Antreten auf den kleinsten Kieselchen. Auch auf der glatten Oberfläche dieser erbsen- bis kartoffelgroßen Steinchen habe ich vollstes Vertrauen in die Friktion der XS-Grip-2-Bereifung. Auf dem grobkörnigen Sandstein erst recht. Egal wie wenig Tritt da ist: Fuß drauf, Druck geben – hält.

Die PCB-Tension-Konstruktion sorgt für Spannung.

Präzisionstest

Und hält der Schuh denn auch, was er oder vielmehr Scarpa verspricht? Präzision und Perfektion in steilem Gelände?

In einer Pause pilgere ich rüber zum „Parabolika“-Block, einem überhängendem Boulderspot mitten im Gebiet. Dort teste ich das Antreten auf kleinsten Tritten, Heelhooks, Toehooks – das ganze Programm. Auch hier gibt es nichts zu Klagen. Der Schuh macht, was er soll. Er hält.
Der letzte Test ist der Gebietsklassiker: die „Zitrone“. Mit den zitronengelben Schlappen fliege ich nur so die leicht überhängende Wand mit ihren kleinen Leisten und noch kleineren Tritten empor.

Heelhook

Auch die Heelhooks sitzen.

Fazit

Was soll ich sagen: Der Drago klettert locker den 12. Grad. Nur nicht, wenn meine Füße drin stecken. Aber ich fühle mich in diesem Schuh pudelwohl. Mein liebstes Klettergelände ist steil bis megasteil. Und genau dort habe ich ein super Gefühl. Ich habe optimale Spannung im Fuß und dabei ein sehr gutes Empfinden für den Tritt. Anstatt meine Füße nur zu parken, kann ich mit dem Tritt arbeiten. Ziehen, drücken, hooken: Alles kein Problem für den Drago. Und trotz der weichen Sohle stehe ich auch auf kleinsten Käntchen stabil und sicher.

Mein Fazit lautet deshalb: Der Drago von Scarpa ist der neue Star an meinem Fuß. Zur Sicherheit besorge ich mir einen Vorrat, damit ich dem schönsten französischen Nationalsport noch viele Jahre treu bleiben kann.

Alle Bilder im Artikel: Karsten Althaus

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