Klettern in Luxemburg

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Felskante in Luxemburg

„Scheiße! Scheiße! What the hell?!“ Dies und schlimmere Monologe spielen sich in meinem Kopf ab, als ich beängstigende 50 Zentimeter mit meinem Anseilpunkt über der letzten Sicherung an den zwei Mikroleisten hänge und, anstatt weiterzugreifen, um mich an wesentlich komfortablerem Griff wiederzufinden, verzweifelt versuche, die Exe einzuhängen. Morituri te salutant! Was war geschehen?

Vor zwei Tagen sind wir aufgebrochen, um drei Monate die europäische Kletterwelt zu erkunden. Insbesondere Osteuropa steht auf dem Plan. Doch die zwei Mikroleisten, der unerreichbare Bolt und mein vibrierender Körper befinden sich eher westlich von der Kölner Heimat, keine 200 Kilometer entfernt vom Dom. Wir sind in Luxemburg. Und arge Zweifel steigen in mir auf, ob ich noch Lust verspüre, das restliche Klettereuropa näher kennenzulernen.

Einklettern in der Luxemburgischen Schweiz

Berdorf in der Luxemburgischen Schweiz ist unser erster kleiner Zwischenstopp. Eine Hochzeit in Trier zwingt uns zu dem kleinen Schlenker. Kam uns gar nicht ungelegen, zwei Tage in unserem „Hausgebiet“ ein wenig einzuklettern. Ein bisschen Training, ein bisschen Selbstbewusstsein tanken und ein paar tolle Routen in perfektem Sandstein klettern. So lautete der Plan.

verträumte Waldwege in Luxemburg

Verwunschene Waldwege in der Luxemburgischen Schweiz © Outdoortraum

Kaum eine der 159 Routen in Luxemburg (ich habe sie im Topo mal durchgezählt), die ich nicht kenne. In den meisten war ich schon drin oder habe sie bereits geklettert. Das Klettergebiet liegt in der Waanterbach-Schlucht, direkt unterhalb der Ortschaft Berdorf bei Echternach. Schon beim Zustieg fühlt man sich in Alices Wunderland versetzt. Leuchtend grüner Farn hängt von den 30 Meter hohen grauen Sandsteinwänden, die teilweise gerade mal einen Meter breite Gassen bilden. Da, wo sich der Schluchtkessel öffnet, warten tollste Klettereien an geschwungenen Sandstein. Im vorderen Teil, den Sektoren Gentiane und Bleausard, überwiegen senkrechte Klettereien im Bereich 5a bis 6b.

„Kaweechelchen“ – der Klassiker

Besonders hervorzuheben ist hier, das „Kaweechelchen“ (5c+). Nach einem Einstiegsboulder über ein Dächlein wartet leichte, aber tolle Kletterei in faszinierenden Strukturen. Die abschließenden zehn Meter verlangen dem Aspiranten Piazkletterei in einer gutgriffigen Rissverschneidung ab. Meine persönliche Begehungszahl dieser Route kenne ich nicht, aber es war wohl kaum ein Aufenthalt in Berdorf, bei dem diese Kletterei nicht der Beginn des Klettertages darstellte.

Sandsteinformationen in Luxemburg

Geschwungene Sandsteinfelsen in Luxemburg © Outdoortraum

Im Sektor „Lionel Terray“ kann man sich wohl kaum für eine falsche Tour entscheiden. Ob die namensgebende Tour im Grad 6a oder aber ihr linker Nachbar „La Plage“ mit seinen beiden Ausstiegsvarianten (beide 6b+). Alle drei Routen sind in ihren Graden absolute Klassiker. Überhängend und großgriffig im unteren Teil und senkrecht und technisch im oberen. Diese Beschreibung passt auf alle genannten Varianten. Auf der Ecke (Sektor Sysiphe) schließen sich dann „Paraplui“ (7a) und „Undercover Angle“ (7c) als Toptouren für die Liebhaber des siebten Franzosengrads an. Wie der Name vermuten lässt, handelt es sich bei dem Regenschirm um ein Dach. Kurz und knackig. „Undercover Angel“ hingegen ist eine Kletterei, die vom Überhang über eine technische und kräftige Rissverschneidung bis hin zu einem enormen Dyno alles zu bieten hat.

Dynamo Berdorf

Apropos Dyno. Um den Dyno aller Dynos in diesem Gebiet in Luxemburg vorzustellen, wandern wir in den hinteren Teil der Schlucht. Alle Spitzenrouten hier zu erwähnen und vorzustellen, würde ein Buch füllen. Ob „Luftikus“ (6b), „Heinz“ und „Willy“ (beide 6c), Kaffisdous (7a), die sehr steile und sehr, sehr henkelige Kante „Voleur de spit“ (7a+, alle im Sektor Nikita) oder aber „Bobby Brown“ (7c) „Hermann Buhl“ (8a+, beide im Sektor Hermann Buhl) und nicht zuletzt „Infernale“ (7b) und der „Daiwel“( 7b+ im Sektor Infernale), bei allen handelt es sich um Toptouren in ihren jeweiligen Graden.

Das Klettergebiet in LUxemburg

Pfade, Brücken und Holztreppen verbinden die einzelnen Sektoren in Luxemburg. © Outdoortraum

Cima ouvest

Eine wahre Traumtour jedoch ist „Cima ouvest“. Früher mit 7c+/8a bewertet, wird sie im aktuellen Topo mit 7c+ angegeben. Die erste Crux wartet schon am dritten Haken. Nachdem man über eine leichte Platte unter dem steilsten Teil dieser Wand angekommen ist, muss man an winzigsten Leisten nach links traversieren. Ist dies geschafft, beginnt ein Fest an pumpigen und technisch anspruchsvollen Zügen durch den steilen Überhang. Nachdem die Steilheit geringer und die Griffe wieder größer geworden sind, klettert man gehörig angepumpt zu den letzten kleinen Griffen, bevor in der ganz glatten, leicht überhängenden Wand nur ein riesiges, slopriges Loch auf den heranfliegenden Helden wartet.

Dynamischer Kletterzug in Luxemburg

Der Dyno aller Dynos in Nahaufnahme © Outdoortraum

Entweder dieser erwischt es mit der korrekten Schwungdosis an der richtigen Stelle und wird zum wahren Helden oder aber er legt die Abwärtsstrecke ähnlich spektakulär zurück und erntet immer noch anerkennendes Nicken der Untenstehenden. Auch nach erfolgreichem Flug können die folgenden Züge der schlussendlichen Glückseligkeit noch im Wege stehen. Wer es aber so weit geschafft hat, dem sei zu gönnen, dass er sich die restlichen Meter schon mal gut angeschaut hat.

So viel Schönes auf unserem ersten Stopp in Luxemburg. Was also lässt mich in 25 Metern Höhe in einer Tour, die ich duzende Male geklettert bin, daran zweifeln, ob ich meine nächsten drei Monate an diesen Sport vergeuden soll?

Freibadtrubel am Felsen

Vielleicht war es die Tatsache, dass die beschauliche Schlucht an diesem langen, sonnigen Juni-Wochenende voller war als ein Freibad. Vielleicht war es die Tatsache, dass sich die meisten auch so verhielten, als seien sie in einem Freibad und nicht in einem Naturschutzgebiet. „Komm schon Julia, zieh durch!“, schallt es von links. „Spann den Ranzen an und reiß durch!“, schallt es aus der anderen Ecke. „Wie baue ich denn um?!“, kreischt es hysterisch vom benachbarten Umlenker. „Ey, meine Alte hätte hier wieder voll rumgestresst“, lässt uns der Oben-ohne- Held in der 5a wissen. Aber man muss sich ja eingestehen, dass wir auch Teil der Überbevölkerung in diesem kleinen Talkessel sind. Vielleicht war es aber auch die Bestrebung, mal was Neues in Berdorf zu klettern und hier auf die wenigen äußerst alpinistischen Führen zu stoßen.

FRau sitzt auf dem Felskopf in Luxemburg

Der Blick über die Felsen als krönender Abschluss des Klettertages ist ein Muss in Luxemburg. © Outdoortraum

Was es auch immer sei. Der Plan mit dem Selbstbewusstsein und dem Training ist zwar nicht so ganz aufgegangen, aber der Schönheit der berdorfschen Kletterei tut dies alles keinen Abbruch. Und so kämpfe ich mich weiter dem Umlenker der wunderschönen „Kaffisdous“ entgegen und erinnere mich daran, wie diese Tour vor vielen Jahren zu meinem Langzeitprojekt hier wurde. Und wie wir es damals gehalten haben, halten wir es auch heute. Wir packen zusammen, latschen zur Fritterie am Minigolfplatz, kaufen für horrendes Geld zwei Fläschchen Boefferding, latschen wieder zurück zu den Felsköpfen, setzen uns in aller Einsamkeit in die Sonne und stoßen an. Das Freibadgeschrei und das Geklimper der Hardware ist nun ganz weit weg – unter uns.

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