Mit Schaf, Charme und Keil: Klettern im Gritstone

84 Aufrufe 0 Kommentare

Die Reaktionen auf das Reiseziel in diesem Sommer fielen sehr unterschiedlich aus: „England? Da kann man auch klettern?“, fragten die, die nichts mit Klettersport zu tun haben. „England? Habt ihr euer Testament gemacht?“, fragten die, die selbst klettern. Wir haben uns von keiner der Reaktionen aus der Ruhe bringen lassen und sind einfach gefahren. Nach Stanage im Peak District, um dort endlich selbst die legendäre Gritstone-Kletterei kennenzulernen.

Für die Absicherung oben muss man schon mal kreativ werden. ©textwelten

Für die Absicherung oben muss man schon mal kreativ werden.
©textwelten

Vorbereitung war natürlich nötig, mehr als bei anderen Kletterurlauben. Immerhin hat der Peak District seinen Ruf als gefährliche und herausfordernde Kletterregion nicht umsonst. Der Ruf kommt vor allem daher, dass hier eine sehr ausgeprägte Kletterethik herrscht. Die Idee ist, den Fels genau so zu hinterlassen, wie man ihn vorgefunden hat. So befinden sich in den Routen keine Haken, man muss alles komplett mit Keilen, Friends und anderen Klemmgeräten selbst absichern. Umlenker gibt es auch nicht, sodass man wirklich oben aussteigen muss und ein kleines Gipfelerlebnis feiern kann, wenn man es denn bis oben geschafft hat. Möchte jemand aus der Seilschaft nicht vorsteigen, dann heißt das allerdings auch, dass man von oben nachsichern muss. Das erfordert stets Kreativität, da die Situation auf den Felsköpfen dafür nicht immer ideal ist.

Die Schafe gehören überall dazu ... ©textwelten

Die Schafe gehören überall dazu …
©textwelten

... auch am Fels. ©textwelten

… auch am Fels.
©textwelten

Über all diese Gegebenheiten haben wir uns vor Reiseantritt natürlich so umfassend informiert, wie das eben möglich war. Wir haben Topos gewälzt – empfohlen sei der lesenswerte von Niall Grimes –, Filme geschaut, Fotos geguckt. Nichts aber konnte uns auf das Gefühl vorbereiten, unsere erste cleane Route im sagenumwobenen und so traditionsreichen Peak District zu klettern.

Wo bitte geht's hier zum Fels? ©textwelten

Wo bitte geht’s hier zum Fels?
©textwelten

Unser Basislager schlugen wir auf dem North Lees Campsiteauf, der mitten im Nationalpark so günstig gelegen ist, dass man die Kletterfelsen in Stanage Edge zu Fuß erreichen kann. So pilgerten wir dann auch mit unseren Rucksäcken bergauf, stets an blökenden Schafen vorbei und sahen den langen Felsriegel vor uns. Jeden Morgen begrüßte er uns schon von ferne und thronte grau über dem Hang aus grünem Farn. Durch den mussten wir uns durchschlagen, manchmal überragten uns die Wedel mannshoch. Am Felsfuß angekommen hatten wir dann aber immer einen wunderbaren Blick über die gesamte Heidelandschaft.

Diese beruhigende, karge Landschaft aus saftig grünem Farn, zart violettem Heidekraut und gemächlich weidenden Schafen stand dann aber in ziemlichem Gegensatz zu unserem aufgewühlten Seelenleben, als wir uns an die berühmt-berüchtigte Stanage-Kletterei heranwagten. Da sollten wir rauf? Ganz ohne rettenden Haken?

Stanage Edge: Der sagenumwobene Felsriegel ©textwelten

Stanage Edge: Der sagenumwobene Felsriegel
©textwelten

Wir beruhigten uns damit, dass die Reibung ja ganz toll sei (ist sie wirklich!), wir ja im heimischen Rissgebiet geübt hätten (haben wir), es ja auch hier Absicherungsmöglichkeiten gebe (joa, schon …) und die Touren ja auch nicht so lang sind (hm, aber auch bei 14 Metern will ich nicht fallen). Aber egal, welche Überlegungen wir anstellten: Es half alles nichts, wenn wir klettern wollten, dann mussten wir da ohne Haken rauf. Also gingen wir rauf.

Hurra! Die erste cleane Route ist geschafft! ©textwelten

Hurra! Die erste cleane Route ist geschafft!
©textwelten

Wir suchten uns zum Eingewöhnen erst einmal ganz leichte Touren aus, denen man ansah, dass man dort unser extra für diesen Urlaub aufgestocktes Friend-Sortiment gut unterbringen konnte. Dank meines etwas wagemutigeren Freundes konnte ich den Fels erst mal im Nachstieg anfassen. Das ging gut, die Reibung ist fantastisch und ich konnte mich überzeugen, dass die vielfältigen Strukturen Absicherungen zulassen.
Meine Jungfräulichkeit in Sachen Clean-Klettern verlor ich dann in der Route „Heaven Crack“ (VD). Die Tour folgt einer wunderschönen Rissschuppe, ist senkrecht und nur an einer Stelle muss man sich etwas herauslehnen und beherzter aufstehen. Ideal zum Ausprobieren. Ich sah mir das Ganze trotzdem erst im Nachstieg an. Dann stieg ich vor und benutzte dabei die bereits gelegten Sicherungsgeräte. Nach diesen zwei Übungsgängen traute ich mich und kletterte das Ganze clean hoch. Der Riss schluckte meine Friends, als wäre er nur dafür gemacht worden. Ein bisschen aufgeregt war ich aber doch. Deshalb verbrauchte ich auf den paar Klettermetern alle unsere Friends. Das war mir aber egal. Ich hatte es geschafft!

Jetzt traute ich mir auch zu, etwas anderes auszuprobieren, ohne dafür erst zwei Probeläufe zu machen. Im Sektor High Neb suchte ich mir erst den „Tango Crack“ (VD) aus und dann „Eric’s Eliminate“ (S). Beides Routen, in denen man ganz gut Friends und Keile unterbringen kann. Der ganze Sektor bietet sich für Clean-Kletter-Anfänger an, denn hier reihen sich mehrere leichte Touren aneinander. Die meisten davon haben ausgeprägte Rissstrukturen, in die man die Keile und Friends gut legen kann. Wenn man dann noch Hexentrics hat, um so besser!

Oben angekommen hat man ein echtes Gipfelerlebnis. ©textwelten

Oben angekommen hat man ein echtes Gipfelerlebnis.
©textwelten

Rückblickend kann ich sagen, dass Stanage nicht nur etwas für wilde Hunde ist. Im Gegenteil: Nirgendwo sonst habe ich so unprätentiöse Kletterer gesehen. Jeder scheint sehr bewusst mit der Sturzgefahr umzugehen. Hier zählen Freude an der Bewegung und Erfahrung mehr als Kraftmeierei und Außenwirkung. So ist das Publikum hier auch sehr gemischt und sehr viele Senioren kraxeln gemeinsam mit jungen Leuten an den Felsen herum. Die Uhren ticken langsamer. Weil die Kletterei mit dieser Art der Absicherung ohnehin länger dauert als die übliche Sportkletterei mit Bohrhaken, hat es niemand eilig. Gemütlich wird geklettert, dann wird entweder von oben nachgesichert und beide genießen oben gemeinsam das Gipfelglück. Oder aber der eine kommt um den Felsriegel herum wieder herunter und sichert den zweiten Vorsteiger.

Dazwischen genießt man die Aussicht, hält ein Schwätzchen und freut sich darüber, dass man heute ein wenig Held sein darf. Denn klar ist: Wenn man die Friends nicht richtig legt, kann man stürzen, und das kann böse ausgehen. Auch wenn die Route nicht so hoch, die Reibung toll und die Kletterei einfach ist. Oder wie der Einheimische sagte, den ich am Fels traf: „The climb itself is a piss, if there weren’t that disturbing thought of me dying any minute.“ Mein Freund und ich jedenfalls sind uns einig: Uns hat’s gepackt. Wir würden sofort wieder hin.

Raue Landschaft im Peak District ©textwelten

Raue Landschaft im Peak District
©textwelten

0 Kommentare

Hinterlasse einen Kommentar