Watzmann-Überschreitung: Wo ein Wille ist, ist auch ein 12 Stunden langer Weg

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Lisa Graf-Riemann hat sich einen Traum erfüllt: Gemeinsam mit drei Freundinnen hat sie den Watzmann überstiegen. Für diese anspruchsvolle Tour hat sie viel trainiert. Wie beeindruckend das Erlebnis dann aber war, darauf konnte sie kein Training vorbereiten. Im Blog Berchtesgadener Land berichtet sie selbst von der Watzmann-Überschreitung (unbedingt lesen!). Im Interview hier beantwortet sie ein paar Fragen zu dieser tollen Unternehmung.

Lisa schreitet munter voran. ©Annette Necknig

Lisa schreitet munter voran.
©Annette Necknig

Die Tour im Panorama ©Lisa Graf-Riemann

Die Tour im Panorama
©Lisa Graf-Riemann

Wie kamst du auf die Idee, den Watzmann zu übersteigen?
Der Watzmann ist der Berchtesgadener Hausberg. Er steht jetzt seit fast sieben Jahren vor meiner Nase und ich war auch schon einmal auf seinem höchsten Gipfel, der Mittelspitze (2.713 m). Nur die Überschreitung aller 3 Gipfel hatte ich mir bisher nicht zugetraut.

©Annette Necknig

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Was hat dich daran besonders gereizt?
Die Ausdauerleistung und der Grad der Ausgesetztheit sowie der nötigen Kletterfähigkeiten. Alle drei Aspekte kommen bei der Überschreitung zusammen. Man muss fit für alles sein, sonst geht’s nicht.

Gut, wenn man klettern kann. ©Annette Necknig

Gut, wenn man klettern kann.
©Annette Necknig

Ganz schön ausgesetzt ... ©Annette Necknig

Ganz schön ausgesetzt …
©Annette Necknig

Das Watzmannhaus: über den Wolken oder doch am Meer? ©Lisa Graf-Riemann

Das Watzmannhaus: über den Wolken oder doch am Meer?
©Lisa Graf-Riemann

Die Tour wird normalerweise in zwei Tagen gegangen. Warum wolltet ihr es unbedingt an einem schaffen?
Nein, wollten wir gar nicht. Wir haben auch im Watzmannhaus übernachtet und sind dann aufgestiegen, haben die Überschreitung gemacht und sind ins Wimbachgries abgestiegen.

Immer weiter rauf ©Annette Necknig

Immer weiter rauf
©Annette Necknig

Wie hast du dich vorbereitet?
Ich bin seit April mehrere, auch lange Bergtouren für die Ausdauer gegangen. Dazu ca. 3 x wöchentlich Radfahren und fürs Muskeltraining und die Beweglichkeit 1 x wöchentlich Pilates und Zumba. Zum Klettern und für ausgesetztes Terrain: Klettersteige gehen (Mannlgrat hinüber zum Hohen Göll 2x, Grünstein Klettersteig, B/C).

Was war auf der Wanderung für dich die größte Herausforderung?
Zunächst einmal das Tempo mitzuhalten. Ich war die älteste und auch die langsamste Bergaufgeherin. Das wusste ich vorher. Glücklicherweise hatten wir stabiles Wetter, sodass wir keinen Gewitterstress oder Ähnliches bekamen. Wir sind um 5 Uhr aufgestanden und wollten eigentlich um halb 6 los, haben dann aber doch getrödelt und kamen erst um 6 Uhr los. Aber das Wetter hat gehalten, alles im grünen Bereich. Und ich war zwar ein bisschen langsamer, aber ich habe die anderen nicht richtig aufgehalten.

Die kleinen roten Männchen arbeiten sich den Berg hoch. ©Lisa Graf-Riemann

Die kleinen roten Männchen arbeiten sich den Berg hoch.
©Lisa Graf-Riemann

Angst hatte ich auch ein bisschen vor der Kletterei und vor den Stellen, die nicht seilversichert sind. Auf einem schmalen Grat ohne Seil rief mir Karin, die als Erste ging, zu, ich solle auf allen Vieren rüberkriechen – rechts ging es 1.800 Meter die Ostwand hinunter, links war es auch ziemlich luftig -, aber ich hab sie nicht verstanden, richtete mich auf und ging ganz cool aufrecht hinüber. Sie sagte mir hinterher, ihr sei das Herz fast stehengeblieben, als sie mich so sah. Das war sozusagen meine „Free Solo“-Stelle.

Ich bekam schon ein wenig Angst, als ich zum Beginn die ganze vor mir liegende Strecke betrachtete, die kleinen roten Männchen, die sich den Grat hinauf- und hinunterarbeiteten bis zur Südspitze. Ich nahm mir vor, mich nur auf die jeweils nächsten 3 bis 5 Meter zu konzentrieren und einfach einen Fuß vor den nächsten zu setzen, ohne an die ganze Strecke zu denken. Und das half mir.

Ich würde von mir nicht sagen, dass ich absolut schwindelfrei bin. Aber mir wird nicht schwindelig, wenn ich runterschaue. Das wäre auch gefährlich. Stolpern darf man da oben einfach nicht.

Das berühmte Felsloch ©Annette Necknig

Das berühmte Felsloch
©Annette Necknig

An welchen Moment denkst du besonders gern zurück?
Zum Beispiel als ich auf dem Weg zur Mittelspitze an dem Felsloch vorbeikam, das mir bei meiner ersten Tour so Angst gemacht hatte. Damals pfiff der Wind durch das Loch und ich hatte die Vorstellung, er würde mich mitnehmen und da hinunterwehen. Doch dieses Mal, ohne Wind, im stabilen Sonnenschein, machte mir die Stelle fast nichts aus. Wir machten sogar noch ein Foto an der Stelle. Die anderen waren fast ein bisschen enttäuscht: „Und das ist jetzt das gefährliche Loch, von dem du uns erzählt hast?“

Aber die Schlüsselstellen der einen können eben ein Klacks für die Nächste sein – und umgekehrt.

©Lisa Graf-Riemann

©Lisa Graf-Riemann

Herrlich war der erste Blick die Ostwand hinunter zur Eiskapelle, einem Schneefeld, das von den Lawinen gespeist wird, die im Winter abgehen, und den ganzen Sommer über liegenbleibt. Der durchfließende Eisbach schafft einen Hohlraum, der wie eine Kapelle mit einer Kuppel aus Eis und Schnee aussieht. Der Bach mündet auf der Halbinsel St. Bartholomä in den grünen Königssee. Das ist wirklich eine bombastische Szenerie.

Der Abstieg geht in die Knie. ©Lisa Graf-Riemann

Der Abstieg geht in die Knie.
©Lisa Graf-Riemann

Hast du Tipps für Nachahmer?
Nur bei stabilem Wetter gehen und nur, wenn man sich fit fühlt, wenn man Kondition aufgebaut hat und die Knie auch mitmachen. Denn der steile Abstieg ins Wimbachgries hat es noch einmal in sich. Da darf man in der Konzentration nicht nachlassen. Und immer genügend trinken!

Der Ausblick belohnt für all die Plackerei. ©Annette Necknig

Der Ausblick belohnt für all die Plackerei.
©Annette Necknig

Hast du schon ein neues großes Bergvorhaben?
Jetzt gehe ich erstmal zum Hüttentrekking um den Dachstein und seine drei Gletscher herum. In den Berchtesgadener Alpen möchte ich als Nächstes den Eisberg auf der Reiteralpe besteigen und dann, am liebsten mit meiner Kletterfreundin Karin, den Hochkalter (2.607). Das ist der Nachbarbergstock des Watzmanns und eine ähnlich lange Tour inklusive ewig langem Abstieg und Talhatsch. Zum Einstieg gibt es unterhalb des Blaueisgletschers – das ist der nördlichste Gletscher der Alpen – ein so genanntes „Wandl“, also eine Wand, die man nur kletternd bezwingen kann, ohne Seilversicherung. Das hat mich bisher noch abgeschreckt. Aber Karin wird mir bestimmt helfen, wenn ich da Probleme bekomme. Und wenn ich ihren Ruf wieder nicht höre, na dann gehe ich eben wieder „free solo“ drüber.

Für solche Klettersteige sollte man schon ein bisschen in Form sein. Annette Necknig

Für solche Klettersteige sollte man schon ein bisschen in Form sein.
© Annette Necknig

Sagst du noch etwas zu dir?
Ich bin in Passau geboren, das nicht gerade für seine hohen Berge und Steilwände bekannt ist. Ich bin aber schon als Kind gern in die Berge zum Wandern und Skifahren gegangen und seit ich in Berchtesgaden wohne, ist das eine echte Passion geworden.
Ich bin freie Autorin und Lektorin, habe zusammen mit meinem Partner und Co-Autor das Foto-Text-Buch „111 Orte im Berchtesgadener Land, dieman gesehen haben muss“ geschrieben und zwei Kriminalromane, die u. a. in Kiew und in Berchtesgaden spielen: „Hirschgulasch“ (2012) und den Nachfolger „Rehragout“ (2014). Im „Hirschgulasch“ kommt ein Mensch durch einen Höhlensturz zu Tode. Es handelt sich aber nicht um einen Höhlenforscher und die Höhle ist nicht das Riesending im Untersberg, sondern eine bisher unerforschte Höhle im Hohen Göll. Alle drei Bücher sind im Emons Verlag in Köln erschienen.

3 Kommentare
  • Michaela

    Antworten

    Bin immer noch und immer wieder schwer beeindruckt von dieser Unternehmung – vor allem im Zusammenhang mit den Bildern.
    Und dabei kannte ich die "free solo"-Geschichte vom Grat noch gar nicht …
    Bravo! Ganz toll gemacht!

  • Anonym

    Antworten

    Öha!

    Ich gehe ja auch gern in die Berge, aber das da … Dafür habe ich in meinem auch schon längeren Leben zu wenig klettern geübt.

  • Ines

    Antworten

    So schöne Bilder von einer so großartigen Leistung! Danke für den tollen Bericht.

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