Ist KI kreativ?

Ist KI kreativ? Diese Frage ist gar nicht so leicht zu beantworten. Deshalb befassen sich auch die Wissenschaften damit: Informatik, Neurolinguistik, Philosophie und Psychologie, um nur einige zu nennen. Brandneu, am 21. Januar 2026, ist dazu eine Studie an der Universität von Montreal (Kanada) veröffentlicht worden. Ein interdisziplinäres Team erforschte erstmals systematisch die kreative Leistung von Menschen und Large Language Models (LLMs) und verglich diese miteinander.

Der Versuchsaufbau

100.000 menschlichen Probanden – eine repräsentative Stichprobe – traten gegen eine große Gruppe von Large Language Models an. Darunter alle bekannten Namen mit jeweils verschiedenen Modellen, also ChatGPT mit den diversen Modellen, Claude, Gemini und so weiter. Aber auch kleinere, unbekanntere LLMs wurden getestet.

Es wurden zwei Testreihen durchgeführt. Im ersten Test wurde ein Verfahren aus der Psychologie angewendet, dass sich etabliert hat, um menschliche Kreativität zu messen. Die Aufgabe war, mehrere semantisch möglichst unterschiedliche Begriffe zu nennen.

In diesem Test schnitten die LLMs etwas besser ab als der Durchschnitt der Menschen. Allerdings hatten die 10 Prozent der kreativsten Menschen wiederum einen klaren Vorteil vor den KI-Modellen. Daraus ließe sich ganz kurz ausgedrückt ableiten: Large Language Modells sind kreativer als der Durchschnittsmensch.

Eine zweite Testreihe hatte einen etwas anderen Ansatz. Die Proband*innen und die LLMs sollten drei verschiedene Schreibaufgaben erfüllen: ein Haiku, eine Filmvorschau und eine Flash-Fiction-Geschichte. Haikus sind eine japanische Gedichtform, die sehr stark festgelegten Regeln unterliegt. Filmvorschauen verlangen Einfühlungsvermögen (was ist interessant, wo darf ich nicht zu viel verraten, was lockt ins Kino?). Flash Fiction lebt von Interessantheit und Konsistenz bei gleichzeitiger Kürze. Die drei Schreibaufgaben waren also mit bedacht gewählt, um unterschiedliche Aspekte von kreativem Schreibkönnen abzufragen.

In diesem zweiten Test traten die drei besten LLMs aus dem ersten Test gegen die Texte diverser Autor*innen an. Das Ergebnis hier: Mensch schlägt Maschine.

Ein Unentschieden also?

Was ist Kreativität?

In der Studie steht als Bewertung der Ergebnisse: „Trotz der weitverbreiteten Sorge, dass KI in naher Zukunft kreative Berufe (wie beispielsweise Schriftsteller) ersetzen könnte, deuten unsere Ergebnisse darauf hin, dass solche Befürchtungen verfrüht sind. Die anhaltende Kluft zwischen den leistungsstärksten Menschen und selbst den fortschrittlichsten LLMs deutet darauf hin, dass die anspruchsvollsten kreativen Aufgaben […] wahrscheinlich nicht durch aktuelle Systeme der künstlichen Intelligenz ersetzt werden können.“[1] (Übers. von mir)

Das klingt erst einmal beruhigend. Ist es aber eine Frage der Zeit oder eine grundsätzliche Unmöglichkeit, dass KI den Menschen in Sachen Kreativität einholt? Hier legt sich das Forschungsteam nicht fest.

Vielleicht ist das aber auch nicht die Kernfrage. Denn letztlich gehen die Definitionen von Kreativität ohnehin auseinander. Manche setzen ein menschliches Bewusstsein voraus. Andere entgegnen, dass auch Tiere kreative Problemlösungen an den Tag legen – Krähen etwa oder Primaten.

Relative Einigkeit besteht darin, dass menschliche Kreativität divergentes Denken voraussetzt. Das bedeutet: Auf eine Fragestellung wird mit vielen und vielfältigen Möglichkeiten geantwortet. Es steht nicht die Lösung im Vordergrund, sondern das Öffnen von Perspektiven. Die Bewertung der Ansätze ist zunächst zweitrangig. Deutlicher wird dies im Vergleich zum Gegensatz, dem konvergenten Denken. Hier steht die Antwort im Vordergrund. Auf eine Frage soll die beste Antwort gegeben werden.

Wer ist hier kreativ?

Menschen nutzen divergentes Denken für kreative Schreibprozesse. Sie greifen dabei auf ihre Erfahrungen, Gefühle, spontanen Assoziationen und etliches mehr zurück. Das Ergebnis sind kreative Texte.

Die KI generiert ebenfalls scheinbar kreative Texte, allerdings hat sie kein Bewusstsein, damit auch keine Erfahrungen oder Gefühle. Vielmehr greift sie auf Trainingsdaten zurück und errechnet einen Text. Ist die KI kreativ?

Für mich ist – insbesondere im Hinblick auf die Studie – eine Frage zentral: Ist das Ergebnis der LLMs wirklich eine kreative Eigenleistung? In der Studie wird geschildert, dass das Prompt Design einen großen Einfluss auf den Output hat. Kein Wunder: Das betone ich auch in all meinen KI-Workshops. Der Mensch formuliert den Prompt und beeinflusst damit das generierte Rechenergebnis. Der generierte Text sieht dann aus wie ein Gedicht oder eine Kurzgeschichte. Er erfüllt auch alle formalen Anforderungen und genügt vielleicht sogar literaturwissenschaftlichen Kriterien. Aber das Ergebnis hat ja nicht die Maschine allein geliefert! Der Mensch hat gepromptet! Wer war hier also kreativ?

Viele Fragen, keine Antworten

In diesem Blog-Beitrag kann ich diesmal leider nicht mit Antworten dienen. Aber manchmal bringen die richtigen Fragen ja auch weiter. Ich bin fest überzeugt: Wenn es um belletristische Texte und ihren literarischen Wert geht, werden wir uns die Frage noch öfter stellen müssen: Ist KI kreativ?

Die KI-VO regelt derzeit, dass KI-Texte nur dann als solche gekennzeichnet werden müssen, wenn sie nicht von Menschen geprüft wurden. Mir scheint, als teile man hier die Ansicht, dass ein guter Prompt ebenfalls eine kreative Leistung ist. Dazu ist das letzte Wort aber sicher noch nicht gesagt. Es bleibt spannend!

Was meinen Sie: Ist KI kreativ oder ist das dem Menschen vorbehalten? Verraten Sie es mir im Kommentar!

Übrigens: Wenn Sie mehr über KI und Literatur wissen möchten, kommen Sie doch in meinen Workshop „KI im Belletristiklektorat“!

[1]  Karim Jerbi et al.: Divergent Creativity in Humans and Large Language Models (2026); https://arxiv.org/pdf/2405.13012 [Stand: 23.01.2026]

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