Kann KI im Lektorat nützlich sein? Large Language Models (LLMs) wie ChatGPT, Claude oder Gemini sind auf Texterstellung und Überarbeitung spezialisiert. Es liegt also nahe, dass diese Tools auch im Lektorat unterstützen können. Viele meiner Kolleg*innen fragen sich sogar bang: Wird uns KI im Lektorat bald ersetzen? Als Lektorin beschäftige ich mich intensiv mit dieser Technologie, teste die Tools fortlaufend, prüfe verschiedene Einsatzmöglichkeiten und aktualisiere meine Workshops entsprechend. In die Zukunft schauen kann ich deshalb natürlich trotzdem nicht. Aber für die Einschätzung der Jobsicherheit hilft es enorm zu wissen, wo LLMs im Lektorat sinnvoll eingesetzt werden können und wo sie an ihre Grenzen stoßen. Im Folgenden gebe ich einen Überblick und konzentriere mich insbesondere auf das Lektorat von Romanen.
Inhaltliche Zusammenfassungen
LLMs erstellen recht zuverlässig Zusammenfassungen von Texten. Im Lektorat ist das hilfreich, wenn es um den Überblick über Handlungsstränge, den Spannungsbogen oder das Figureninventar geht. Es gehört zum Lektorat dazu, hier die Logik zu prüfen: Sind sogenannte Plot Holes entstanden, also Unstimmigkeiten in der Handlung? Tauchen Nebenfiguren auf uns verschwinden dann plötzlich wieder ohne Grund? Sind alle Figuren der Handlung entsprechend am richtigen Ort? Solche und ähnliche Fragen lassen sich leichter beantworten, wenn eine schematische Übersicht vorliegt. Die lässt sich mithilfe von künstlicher Intelligenz gut erstellen. Hier spart KI im Lektorat also tatsächlich Zeit. Wichtig: Diese Zusammenfassungen ersetzen das Lektorat natürlich nicht, denn sie geben ja nur einen Überblick über Handlungslinien. Feinheiten müssen dann über sorgfältiges Lesen geprüft und herausgearbeitet werden. KI ist eine Unterstützung, aber kein Ersatz.
Stilistische Vorschläge
LLMs sind auf Textgenerierung spezialisiert. Deshalb eignen sie sich besonders gut dafür, aber auch für die Textüberarbeitung – eine Kernarbeit im Lektorat. Mit KI können einzelne Sätze oder Absätze umformuliert werden. Dafür ist das korrekte Prompting essenziell. Nur wer weiß, wie er KI richtig mit Befehlen füttert, wird auch befriedigende Antworten erhalten. Wie das genau geht, bringe ich übrigens regelmäßig in meinen Workshops bei. 😊
Konkret: Ein Satz wirkt hölzern oder umständlich. Die KI liefert mehrere Alternativen, aus denen Sie eine wählen oder die Sie als Inspiration nutzen können. Gerade bei komplizierten Textpassagen, bei denen sehr viele Umformulierungen notwendig sind, kann diese Unterstützung das Brett vorm Kopf entfernen oder bei drückender Deadline der eigenen Müdigkeit nach einem langen Lektoratstag entgegenwirken. Hier ist KI im Lektorat eher Sparringspartner, als dass sie die Arbeit komplett abnimmt. Sie erweitert aber manchmal den Blick für mögliche Lösungen.
Auch hier gilt: Die KI ersetzt das Lektorat nicht. Sie ist darauf trainiert, stets die Antwort mit der größten Wahrscheinlichkeit zu geben. Anders formuliert: Es geht nicht um Kreativität oder Originalität, sondern es wird errechnet, wie häufig eine bestimmte Alternative vorkommt. Der Wert mit der größten Häufigkeit, gilt als der am wahrscheinlichsten korrekte. Diese Antwort wird dann ausgespielt. Statistik! Alle Lektor*innen wissen aber, das gute Texte oft genau das Gegenteil von Wahrscheinlichkeiten sind und von Überraschungen und Irritationen leben. Hier stößt die KI im Lektorat ziemlich hart an ihre Grenzen.
Konsistenzprüfungen
Konsistenz ist ein wichtiges Thema im Romanlektorat: Sind Namen durchgehalten? Stimmen die Zeitangaben und sind sie logisch? Werden Orte, Aussehen, Berufe und Hintergrundinformationen gleichbleibend geschildert? Es ist mühsam, diese vielen Faktoren im Lektorat im Blick zu behalten. Die oben erwähnten Zusammenfassungen können auch hier helfen. Die KI kann dabei unterstützen, Inkonsistenzen aufzuspüren. Vorausgesetzt, der Prompt ist eindeutig und die Fragen sind präzise gestellt. Die KI ist hier eine Hilfe, aber kein Ersatz. KI neigt zum halluzinieren und zu Unzuverlässigkeit bei der Antwort. Das bedeutet: Ich kann diese und keine andere Arbeit einfach an die KI auslagern. Alle Ergebnisse müssen mindestens überprüft werden, was voraussetzt, dass ich das Manuskript kenne. Auch hier also: Die KI ist eine Unterstützung, aber kein Ersatz.
Analyse von Erzählperspektive und Tempus
LLMs erkennen gut, aus welcher Perspektive erzählt wird und ob das Tempus durchgängig verwendet wird. Gerade bei komplexeren Manuskripten mit Perspektivwechseln kann das eine wertvolle Unterstützung sein. Die KI kann Tempus- und Perspektivwechsel im Manuskript markieren. Das klingt beeindruckend. Was wir aber keinesfalls vergessen dürfen: Die KI ist eine Maschine und kein Mensch. Sie kann nicht zwischen den Zeilen lesen und ihr fehlt Kontextwissen. Das bedeutet in der Lektoratspraxis, dass sie zwar eine Analyse vornehmen kann, aber keine verlässliche Auswertung dieser Analyse. Insbesondere in Romanen können Tempus- und Perspektivwechsel als Stilmittel gewollt sein. Ob das der Fall ist, muss das Lektorat entscheiden.
Brainstorming und Ideenfindung
Wir sehen schon: KI kann viel, aber vieles auch nicht. Bisher gab es zu jedem Arbeitsschritt eine Einschränkung meinerseits. Was das Brainstorming angeht, ist das anders. Hier finde ich KI wirklich stark. LLMs sind sehr gute Sparringspartner, wenn es um die Entwicklung von Ideen, Plots, Figurenentwicklung und so weiter geht. Manchmal wirkt eine Erzählung nicht überzeugend. Eine Alternative muss her. Genau hier können wir KI zurate ziehen. Was wir aus Meetings und Workshops als Brainstorming im Team kennen, können wir mit der KI allein im Homeoffice erledigen. Wirklich praktisch! Was wir mit den Vorschlägen dann machen, bleibt natürlich uns überlassen. Meistens sind die Vorschläge der KI für mich ein Anstoß, selbst in eine bestimmte Richtung weiterzudenken. Das bedeutet, ich übernehme selten einen Vorschlag unverändert, sondern bearbeite diesen noch mal. Hilfreich ist das trotzdem.
Die Grenzen von KI im Lektorat
Die Schilderungen oben machen es deutlich: KI kann bei bestimmten Prozessen im Lektorat helfen. Bei allen Arbeitsschritten MUSS der Mensch aber das letzte Wort haben. Fachleute nennen das „Human in the Loop“. Das Lektorat muss unbedingt alle Ergebnisse prüfen und das gesamte Manuskript und natürlich die Eigenheiten des Autors oder der Autorin im Blick behalten. KI neigt zu Fehlern, arbeitet unzuverlässig, kann nicht zwischen den Zeilen lesen und hat kein Kontextwissen. Sie arbeitet nach statistischen Wahrscheinlichkeiten und kann deshalb weder Stil noch literarische Qualität beurteilen. All das kann bisher nur der Mensch. Und nur der Mensch kann ein vertrauliches Gespräch mit dem Autor führen und ihm ehrliches und konstruktives Feedback geben. Die KI – das ist Ihnen vielleicht schon aufgefallen – wird Sie immer loben und Ihnen beipflichten. Das ist für die Manuskriptentwicklung nicht unbedingt förderlich. Diplomatie ja, unbedingt. Aber dabei auch konstruktive Kritik, um das Manuskript zu verbessern. Dafür werden wir als Profis ja engagiert.
Hier die Grenzen im Überblick:
- Halluzinationen
- Unzuverlässigkeit
- Fehlendes Kontextwissen
- Wahrscheinlichkeit statt Kreativität
- Kein konstruktives Feedback
Datenschutz und Urheberrecht
Ein wichtiger Punkt darf zum Abschluss nicht fehlen: Datenschutz. Laden Sie bitte niemals komplette Manuskripte in ein Large Language Model hoch. Und tun Sie das schon gar nicht ohne die Zustimmung des Autors oder der Autorin. Sie geben damit nämlich potenziell sensible Daten aus der Hand. Wenn Sie mit KI im Lektorat arbeiten, beachten Sie unbedingt die Vorgaben des Datenschutzes. Manche Tools bieten inzwischen Business-Versionen mit stärkeren Datenschutzgarantien, aber auch diese müssen Sie verantwortungsvoll prüfen. Eine Möglichkeit ist es, Texte nur in kurzen Schnipseln und verfremdet einzugeben.
Ich habe oben Möglichkeiten beschrieben, was KI im Lektorat als Technologie grundsätzlich leisten kann. Das entbindet uns aber nicht von den Verpflichtungen des Datenschutzes. Ob es also auch auf diesem Hintergrund sinnvoll ist, KI im Lektorat anzuwenden, steht auf einem anderen Blatt. Ich kann nur zu einem sehr verantwortungsvollen Umgang raten. Vielleicht lesen Sie dazu noch das Interview mit Christine Hutterer zum Siegel menschliche Intelligenz, das sich mit genau diesen Fragen eingehender beschäftigt. Oder Sie kommen in meine Workshops, in denen wir ebenfalls über solche sensiblen Fragen sprechen.
Welche Möglichkeiten sehen Sie für KI im Lektorat? Verraten Sie es mir im Kommentar!
Übrigens: Wenn Sie mehr über KI im Belletristiklektorat wissen möchten, dann kommen Sie doch in meinen Workshop!
