Ortsnamen, Schreibweisen, Jahreszahlen: Recherche ist das tägliche Brot im Lektorat. Lässt sich die Recherche mit KI irgendwie effizienter gestalten? Denn das versprechen uns die Entwickler*innen ja die ganze Zeit: Künstliche Intelligenz beschleunigt die Arbeit und entlastet den Menschen. Ich stelle dieses Versprechen regelmäßig auf den Prüfstand. Dieses Mal im Hinblick auf die Recherche.
Überall: Recherche mit KI
Erst einmal: Es ist fast unmöglich, der Recherche mit KI zu entkommen. Spätestens, seit die KI in die Google-Suchergebnisse integriert ist, muss man sich schon fast aktiv GEGEN die Recherche mit KI entscheiden. Wenn ich etwas googele – und Google ist nach wie vor die meist benutzte Suchmaschine, auch wenn es etliche Alternativen gibt –, dann erscheint mittlerweile erst ein KI-Ergebnis, dann werden gesponserte – somit bezahlte (!) – Ergebnisse gelistet und dann erst kommen die „normalen“ Treffer. Mit normal meine ich die Suchergebnisse, die über Keywords gefunden werden.
In meinen Workshops und im Alltag stelle ich immer wieder fest, dass die KI-Suchergebnisse unhinterfragt übernommen werden. Es ist ja auch so schön bequem. Sie stehen ganz oben, kommen als gebündelter Fließtext daher. Wenn ich mehr wissen will, klappe ich das Menü auf und sehe sogar Quellenangaben. Wo liegt also das Problem?
Kurz: Die Faktentreue ist nicht hoch genug. Faktentreue meint die Korrektheit der ausgespielten Antworten. Das ist immer ein Problem bei Recherche mit KI, bei der KI in den Suchergebnissen von Google aber ganz besonders. Denn hier kann ich nicht über Prompting Einfluss nehmen.
Im Folgenden will ich vor allem auf die Recherche bei Large Language Models eingehen und konzentriere mich dabei auf die Recherche über die Chatfenster in ChatGPT, Perplexity, Claude und so weiter. Ich spreche also nicht weiter über die KI-Suche. Ich möchte aber einen ausdrücklichen Appell aussprechen: Wer KI-Suchergebnisse in Anspruch nimmt, sollte diese immer auf das Genaueste prüfen!
Dauerproblem Halluzinationen
Allen KI-Systemen ist gemeinsam, dass sie mitunter veraltete oder ungenaue Informationen liefern oder Inhalte halluzinieren, also schlichtweg erfinden. Das ist hinlänglich bekannt. Allerdings geben sich manche dem Irrglauben hin, dass dies mit der Zeit besser werde. Immerhin werden die Systeme ja leistungsfähiger oder nicht?
Ja und nein. Die Systeme werden in bestimmten Aspekten tatsächlich leistungsfähiger. Permanent wird geforscht und neue Modelle verfügen über weitergehende Fähigkeiten. Aber: Am Problem der Halluzination hat das bisher nichts geändert. Das belegen Studien eindeutig. Im November 2025 hat die Europäische Rundfunkunion die Faktentreue großer LLMs geprüft und dabei zwei wichtige Dinge festgestellt:
- Der Wahrheitsgehalt der KIs lässt sehr zu wünschen übrig.
- Die einzelnen Tools nehmen sich dabei nicht viel.

Was tun bei Halluzinationen?
Für Sie heißt das konkret: Wenn Sie Recherche mit KI betreiben, sollten Sie alle Ergebnisse genauestens prüfen. Es genügt übrigens nicht, die angegebenen Quellen kurz auf Vertrauenswürdigkeit zu scannen. Um festzustellen, ob eine Aussage korrekt ist, müssen Sie die genannte Quelle öffnen und nachlesen, ob die angeblich von dort zitierte Aussage auch tatsächlich in dieser Quelle zu finden ist. Das ist nicht allgemein bekannt: KI zitiert zwar, aber manchmal werden Quellen erfunden oder bestehende Quellen mit erfundenen Inhalten verknüpft.
Aktualität der Informationen
KI-Modelle haben einen Wissensstichtag. Das bedeutet: Sie wurden zu einem bestimmten Zeitpunkt trainiert und kennen nur Informationen, die bis zu diesem Datum verfügbar waren. Was danach passiert ist, ist nicht Teil des statischen Wissensstandes. Der aktuelle statische Wissensstand lässt sich übrigens relativ verlässlich bei der KI selbst erfragen. Bin ich auf aktuelleres Wissen angewiesen, ist erhöhte Vorsicht geboten.
Bei den meisten Gratis-Tools haben Nutzer*innen ein begrenztes Limit für die dynamische Suche. Das bedeutet, dass am Anfang das Internet nach aktuellen Ergebnissen abgesucht wird. Nach einer Weile (die sich je nach Dienst unterscheidet) ist das Limit erschöpft und es wird auf die statische Suche in den vorliegenden Trainingsdaten zurückgegriffen.
Damit überhaupt auf das Internet zugegriffen werden kann, muss dies bei vielen Tools zudem in den Einstellungen angeklickt sein.
Wie Aktualität prüfen?
Behalten Sie bei den Gratis-Plänen der Tools im Auge, ob noch aktiv auf das Internet zugegriffen wird oder nicht. Prüfen Sie zudem, ob in Ihren Einstellungen die Websuche aktiviert ist. Alle Ergebnisse sollten Sie dann trotzdem auf Plausibilität prüfen, denn die Gefahr der Halluzination ist weiterhin gegeben. Auch die Bewertung der Quellen müssen Sie selbst vornehmen: Was ist eine seriöse Quelle und was nicht? Diese Arbeit nimmt ihnen keine KI ab.
Extratipp:
Bei Perplexity können Sie in den Einstellungen eingrenzen, was Sie als seriöse Quelle ansehen. Dann werden diese Quellen bevorzugt herangezogen. Das nimmt Sie zwar nicht aus der Pflicht, alles zu prüfen, aber es beschleunigt den Vorgang.
Garbage in, garbage out
Stellen Sie Ihre Frage präzise. Drücken Sie sich möglichst konkret aus, geben Sie genügend Kontext für die Fragestellung und definieren Sie den gewünschten Detailgrad der Antwort. Das klingt zwar wie eine Binsenweisheit, ist es aber nicht.
Das Prompting sieht einfach aus und kommt sehr benutzungsfreundlich daher. In ein einfaches Chat-Fenster schreiben wir unsere Fragen in Alltagssprache und erhalten immer eine Antwort. Alles paletti also? Mitnichten!
Die KI-Entwickler*innen müssen ein geradezu magisches Marketingteam um sich versammelt haben. Diesem Team ist es gelungen, der ganzen Welt weiszumachen, dass Prompting das Einfachste von der Welt ist. Genau das Gegenteil ist der Fall! Schreibe ich irgendwas ins Chat-Fenster, bekomme ich auch nur irgendwas raus. Will ich eine präzise, passgenaue Antwort, ist das Prompting eine ziemliche Wissenschaft. Es gibt einiges zu beachten, was einen eigenen Blog-Beitrag verdient. Oder Sie kommen in meine Workshops, wo wir uns genau damit beschäftigen. Fakt ist: Genaues Prompten ist gefragt!
Was tun für präzise Antworten?
Lernen Sie, gut zu prompten! Das können Sie in Workshops oder aber autodidaktisch gemeinsam mit der KI. Lassen Sie sich von der KI Beispielprompts erstellen oder prüfen Sie Ihre Prompts mithilfe der KI. Dieses Vorgehen lohnt sich immer, denn Sie werden sehr viel erfahren – versprochen! Und dann speichern Sie sich gut funktionierende Prompts ab, damit Sie nicht jedes Mal das Rad neu erfinden müssen.
Effizienz-Booster KI
Es wird deutlich: Der Mensch muss das Werkzeug KI gut bedienen können und trotzdem noch alle KI-Ergebnisse prüfen. Wir sprechen hier gern vom „Human in the Loop“, also dem Menschen, der die Fäden in der Hand hält. Das ist sicher die wichtigste Erkenntnis beim Umgang mit KI – egal in welcher Hinsicht.
Wenn das aber so ist: Wie sieht es dann mit der Effizienz aus? Warum sollte ich Recherche mit KI angehen?
Hier kommt das enorme Tempo der künstlichen Intelligenz ins Spiel. KI wertet in Windeseile Unmengen von Daten aus, kann sie gruppieren und nach Aspekten vorsortieren. Viel schneller als ein Mensch das leisten könnte. Das können wir uns zunutze machen, um zum Beispiel einen Überblick über Pro- und Kontra-Argumente zu einer These zu sammeln, Hypothesen zu sammeln oder bestimmte Quellen nach Aspekten zu sortieren. Vielleicht erhalten wir auch einen generellen Überblick über die Quellenlage zu einem Thema und Anregungen für die weitere Recherche.
Kurz: Insbesondere bei der ersten Ordnung und Sichtung kann KI hier wirklich gute Dienste leisten. Das entbindet uns zwar nicht, alle gelieferten Fakten und Quellen genauer zu prüfen, aber es ist ja auch nicht alles falsch. Das darf bei der sehr gerechtfertigten Warnung vor dem Halluzinieren nicht vergessen werden.
Insofern: Gezielt und an den richtigen Stellen eingesetzt kann Recherche mit KI tatsächlich eine Zeitersparnis bedeuten und vielleicht sogar Anregungen bieten und versteckte Perlen zutage fördern. KI ist eben ein Werkzeug und entfaltet seine volle Wirkung erst in den Händen geübter Meister*innen.
Welche Erfahrungen haben Sie mit KI-Recherche gemacht? Verraten Sie es mir im Kommentar!
Übrigens: Wenn Sie mehr über das Prompten und die Recherche mit KI wissen möchten, dann kommen Sie doch in meinen Workshop „KI im Lektorat“!
