In meiner Heimat Köln ist man stolz auf das Kölsche. Es gibt sogar die „Akademie för uns kölsche Sproch“, bei der unter anderem das alljährliche Karnevalsmotto der Session auf sprachliche Richtigkeit geprüft wird. In meiner neuen Wahlheimat in Oberbayern ist man ebenfalls stolz auf das Bairische als eigene Sprache. Meine Eltern wohnen in Schleswig-Holstein. Auch dort gibt es sprachlichen Lokalpatriotismus – hier bezüglich des Plattdeutschen. Aber stimmt das überhaupt? Handelt es sich bei Kölsch, Bairisch und Plattdeutsch nun und Sprache oder Dialekt? Was ist der Unterschied?
Linguistische Kriterien
Zunächst einmal: Linguistisch lässt sich das gar nicht so leicht beantworten. Deshalb muss ich etwas ausholen. Es gibt nämlich keine eindeutigen Definitionen, sondern eher einen Kriterienkatalog, der über Sprache oder Dialekt entscheidet.
Sprachen weisen folgende Merkmale auf:
- Sie haben eine Sprachstruktur, zum Beispiel für die Wortbildung oder die Phonetik.
- Sie verfügen über Standardisierung in festgelegten Grammatik- und Rechtschreibregeln.
- Sie werden in offiziellen Kontexten wie Schule, Verwaltung und Medien verwendet.
- Sie sind als eigenständige Sprache politisch anerkannt, zum Beispiel von der Europäischen Charta der Regional- oder Minderheitensprachen.
Dialekte haben ebenfalls bestimmte Merkmale:
- Sie sind regional begrenzt.
- Sie sind Varietäten einer Sprache, das heißt: Wer das Deutsche auf muttersprachlichem Niveau beherrscht, versteht in der Regel auch einen deutschen Dialekt, weil dieser eine Variante des Deutschen ist.
- Sie haben meist kein standardisiertes Sprachsystem.
- Sie verfügen über eine Sprachstruktur.
- Sie liegen meist nur mündlich vor, nicht schriftlich.
Kölsch, Bairisch und Plattdeutsch: Sprache oder Dialekt?
Schauen wir uns nun die drei – ja, wie nenne ich sie nun? – Sprachen oder Dialekte an. Der Übersichtlichkeit halber stelle ich erst einmal Kölsch und Bairisch in einer Tabelle gegenüber. Wir sehen hier klar: Sie verfügen über eine Sprachstruktur, das heißt: Wort- und Lautbildung folgen bestimmten wiederkehrenden Mustern. Im Kölschen wird „ich“ zu „isch“ und „das“ zu „dat“; im Bairischen wird „wir“ zu „mir“ und „sind“ zu „san“ – bekannt aus dem Slogan des FC Bayern: Mir san mir. Das spricht vielleicht dafür, dass beides eine Sprache sein könnte. Aber: Alle Dialekte sind strukturiert. Das haben sie mit Sprachen gemeinsam. Es braucht also mehr. Schauen wir die anderen Kriterien an, treffen die nicht zu. Kölsch und Bairisch sind Varietäten des Deutschen, also Dialekte. So leid es mir tut – insbesondere für das Kölsche.
| Kriterium | Kölsch | Bairisch |
| Standardisiertes Sprachsystem | ❌ | ❌ |
| Sprachstruktur | ✔️ | ✔️ |
| Verwendung in offiziellen Kontexten | ❌ | ❌ |
| Politische Anerkennung | ❌ | ❌ |
Plattdeutsche Sprache
Warum aber gilt nun das Plattdeutsche als Sprache? Die Antwort ist so einfach wie wissenschaftlich unbefriedigend, wie ich finde: Es ist politisch als Sprache anerkannt. Das ist der wesentliche Unterschied. Weil das so ist, wird es in Norddeutschland teilweise an der Schule gelehrt und auch in den Medien verwendet. In manchen Regionen – bei meinen Eltern zum Beispiel – sind sogar die Straßenschilder zweisprachig. Das ist auch richtig so, denn eine Sprache wird ja immer von Menschen gesprochen. Beim Plattdeutschen ist die Sprachgemeinschaft recht klein, es handelt ich um eine Minderheit. Minderheiten wiederum verdienen Schutz.
Warum kam es aber zu einer Anerkennung als Sprache? Dafür gibt es vor allem zwei Gründe:
- Das Plattdeutsche hat teilweise eine Standardisierung erfahren, indem es in vielen Schriftstücken verwendet wurde. Die historische Bedeutung der Hanse spielt hier eine maßgebliche Rolle.
- Diese Standardisierung wurde aktiv von Interessierten vorangetrieben, indem Wörterbücher, Grammatiken und Lexika verfasst wurden.
Hoffnung für Köln und Bayern
Noch sind Kölsch und Bairisch also Dialekte. Es gibt aber Hoffnung. Auf Kölsch gibt es immer mehr Texte, schon allein wegen des kontinuierlich wachsenden Fundus an kölschem Liedgut. Die kölsche Schriftsprache nimmt also zu. Eine Akademie gibt es auch schon, wie oben erwähnt, und aus eigener Erfahrung weiß ich, dass es immerhin auch Gottesdienste auf Kölsch gibt. Es wird in der Stadt also einiges für die Standardisierung getan. In Köln ist der politische Wille sicher riesig, Kölsch als Sprache anzuerkennen. Wie groß die Lobby auf EU-Ebene ist, wird sich zeigen. Im Klüngeln sind die Kölner*innen bekanntlich versiert.
Was das Bairische betrifft, gibt es ebenfalls vereinzelte Radiosendungen auf Bairisch und es ist immerhin in der ISO 639-3 als Sprache anerkannt. Die ist allerdings nicht ausschlaggebend. Hier wird auch Klingonisch als Sprache geführt. Aber man könnte das vielleicht als den Fuß in der Tür werten. Warten wir’s ab!
Was denken Sie zu Bairisch und Kölsch: Sprache oder Dialekt? Verraten Sie es mir im Kommentar!
