Christine Hutterer ist Medizinjournalistin und setzt sich außerdem mit künstlicher Intelligenz auseinander. Sie ist Mitinitiatorin des Siegels menschliche Intelligenz. Was es damit auf sich hat, verrät sie im Interview.
Du bist Mitinitiatorin des MI-Siegels, Siegel menschliche Intelligenz. Erklär doch mal kurz, worum es dabei geht.
Ende 2022 kam ChatGPT auf den Markt und hat eine ganz schöne Welle geschlagen: Das Tool kann schnell schreiben, antwortet extrem schnell auf alles, was man fragt. Bald stellte sich heraus, dass die KI halluziniert: Sie sagt nicht immer die Wahrheit. Meine Mitinitiatorinnen Christa Goede, Daniela Rorig und ich stellten außerdem schnell fest, dass KI ganz schön disruptiv sein kann. In vielen Bereichen sagten viele Kunden sehr schnell: „Wir brauchen euch nicht mehr. Wir machen das jetzt mal selber.“ Wir drei verstanden, dass viele Kunden glaubten, sie könnten mit so einem Tool einfach einen Menschen aus einem kreativen Beruf ersetzen, egal ob Text, Design, Übersetzung, Lektorat oder was auch immer, weil sie denken, dass es im Fall von Text nur darum geht, Worte aneinanderzureihen. Damit fiel uns auf, dass wahrscheinlich die meisten unserer Kunden überhaupt nicht wissen, was alles dahintersteckt, wenn man einen Text oder irgendein anderes kreatives Produkt entwickelt. Das war die Geburtsstunde des MI-Siegels. Wir wollen zeigen, dass es Menschen braucht, um kreative Arbeit zu leisten. Es braucht den Input des Menschen, um zu sehen: Was will der Kunde genau? Welche Tonalität verwendet er und welche Ausdrucksweise? Was hat er für einen Hintergrund? Warum sollen bestimmte Sachen nicht in seinen Texten stehen und andere Sachen unbedingt? Um all das bei einem Auftrag zu berücksichtigen, was zwischen den Zeilen steht, braucht es den Menschen. Selbst wenn man eine KI gut promptet, kommt man damit nicht so weit, wie jemand der sieht, wie das Gegenüber das Gesicht verzieht, wenn ein Vorschlag nicht passt. Das war der Gedanke hinter der Entwicklung des Siegels. Wir wollen zeigen, dass die menschliche Qualität sehr hoch einzuschätzen ist, auch wenn man KI nutzt.
Welche Rolle spielt künstliche Intelligenz beim Siegel menschliche Intelligenz?
Es heißt nicht, dass die Träger*innen des Siegels menschliche Intelligenz keine künstliche Intelligenz verwenden. Die Tools werden ja nicht mehr weggehen. Und es gibt ja durchaus Anwendungen, die hilfreich sind und bei Arbeitsprozessen unterstützen können. Wichtig für uns beim Siegel ist zu sagen: „Ich als Mensch habe die Zügel in der Hand und kontrolliere, was dieses Ding macht oder wie ich es einsetze.“ Die Siegelträger*innen geben ihren Verstand nicht ab, bloß weil KI überraschend schnell irgendwelche scheinbar tollen und plausiblen Sachen ausspuckt. Vielmehr kontrollieren wir die Ergebnisse. In Kreativberufen gibt es teils schon einen Berufskodex. Bei Journalisten ist es der Faktencheck, der Quellenschutz, die Originalität von Texten und dass ich nichts plagiiere und so weiter. So ein Berufsethos gibt es ja auch in anderen Kreativberufen, bei Grafikdesigner*innen, Fotograf*innen, Übersetzer*innen, Lektor*innen und anderen. Diesen Verhaltenskodex wollten wir in einem Siegel abbilden, mit dem gezeigt werden kann, dass man sich auch in Zeiten künstlicher Intelligenz an dieses Berufsethos hält.
Das Siegel menschliche Intelligenz ist also eine Mischung aus Qualitätssiegel und freiwilliger Selbstverpflichtung auf Transparenz und Qualität?
Ganz genau. Es geht darum, den Kunden zu zeigen: „Manchmal arbeite ich vielleicht mit KI, manchmal vielleicht auch nicht, aber ich kontrolliere am Ende, was herauskommt. Ich schaue, dass das Ergebnis auf die Zielgruppe passt.“ Wir beobachten, dass durch die intensive Nutzung von KI in vielen Bereichen inzwischen der Content im Netz schon deutlich schlechter, generischer und langweiliger geworden ist. Jeder kann mit einem Mausklick Texte produzieren und veröffentlichen. Wir werden deshalb mit Texten in schlechter Qualität überschwemmt. Das Problem dabei ist, dass viele Kunden ebenfalls keine Experten in Sachen Text sind. Sie können nicht beurteilen, was Qualität ausmacht. Sie merken also vielleicht den Unterschied nicht zwischen einem KI-Text und einem von Menschen geschriebenen Text. Aber sie merken sehr wohl, wenn ihre Botschaft nicht mehr ankommt oder die Leute das Produkt nicht mehr kaufen und sie die Zielgruppe nicht mehr erreichen.
Nicht immer liegt ja aber der Zusammenhang beispielsweise zwischen rückläufigen Verkäufen und schlechter Werbung, also schlechtem Text, auf der Hand. Wie mache ich meiner Kundschaft verständlich, dass es für sie von Vorteil ist, als Texterin mich zu buchen, weil ich das Siegel menschliche Intelligenz trage?
Eine gute Frage. Daniela, Christa und ich entwickeln für die Siegelträger*innen gerade ein Dokument zur Einwandbehandlung seitens der Kundschaft. Wir hatten zum Beispiel schon Fälle, dass die Kundschaft den Preis drücken wollte mit dem Argument, dass ja KI zum Einsatz kommt. Weil es ja angeblich schneller geht und weniger Aufwand ist. Deshalb ist es wichtig, den Kunden zu vermitteln, dass KI nichts weiter ist als ein Werkzeug. Ich schreibe den Text nicht mehr mit der Hand und ich schreibe ihn auch nicht mehr mit der Schreibmaschine, sondern ich nutze einen Computer. Ich reite auch nicht mehr mit dem Pferd hin und gebe den Text ab, sondern ich schicke ihn per E-Mail. Das sind alles Tools, die ich verwende. Und diese Tools bewirken manchmal, dass irgendwas schneller wird, aber manchmal auch nicht. Die KI ist also kein Ersatz, sondern nur eine Ergänzung. Ich glaube, das ist der wichtigste Punkt, den wir vermitteln müssen. Denn der Kunde will wissen: Wieso habe ich keinen Preisvorteil davon, wenn du KI nutzt? Am Ende geht es ja immer um Geld und die Kundschaft hat die Hoffnung, dass es mit KI deutlich günstiger wird. Das ist aber nur sehr bedingt der Fall.
Früher wurde die Kompetenz der Texterin nicht hinterfragt, weil die Kundschaft auf die Dienstleistung angewiesen war und selbst keine Texte schreiben konnte. Durch KI ist das scheinbar anders geworden. Klar wird dann gefragt: „Wieso soll ich jemanden beauftragen, wenn ich es gratis bei ChatGPT machen lassen kann?“ Es ist also ein stärkerer Bedarf an Aufklärung vorhanden darüber, worin genau die Dienstleistung eigentlich besteht. Es geht also nicht nur um Kosten, sondern auch darum zu erklären, dass man als Texterin nicht nur schreibt, sondern auch konzeptioniert und sich in die Zielgruppe einfühlt und so weiter.
Genau. Wir haben das ja alle nicht kommen sehen und haben nun plötzlich die Notwendigkeit, zu vermitteln, was wir eigentlich alles machen. Das macht es ein bisschen schwer für unseren Berufsstand gerade.
Schauen wir mal in die Kristallkugel. Glaubst du, die Begeisterung für KI im Moment ist wie ein Pendel, das gerade in ein Extrem ausschlägt? Alle Unternehmen müssen da jetzt mal durch, weil die Verlockungen des Geldsparens einfach zu groß sind? Und dann kommen sie reumütig zurück? Oder kommt es ganz anders? Wie wird sich das weiterentwickeln?
Diese Einschätzung hängt immer ein bisschen von der Tagesform ab. Es gibt Tage, an denen ich denke, es wird alles zugrunde gehen. Es gibt Tage, da denke ich mir: „Ach, wahrscheinlich wird es gar nicht so schlimm.“ Man darf nicht vergessen: Die Tools wurden mit geklauten Texten von Menschen angelernt, mit urheberrechtlich geschütztem Material. Die Entwickler wollen ihre KIs natürlich weiter trainieren und brauchen dafür neues originäres Material von Menschen. Weil aber jetzt immer mehr KI-Content im Netz steht, haben sie Probleme, entsprechende Trainingsdaten zu bekommen. Ihnen fehlt der menschliche Input. Die Frage ist also, ob die Entwickler einen Weg um diesen Input herum finden und dennoch die Qualität erhalten oder gar steigern. Oder ist irgendwann ein Stand erreicht, der nicht besser wird? Bestimmte Berufe, die einfache Dinge tun, die sich leicht automatisieren lassen, werden möglicherweise verschwinden. Ich glaube aber, dass irgendwann doch wertgeschätzt wird, dass kreative Arbeit mehr ist, als nur einen Prompt zu schreiben, und dass es diese Berufe auch weiterhin geben wird.
KI wird sicher nicht mehr weggehen. Was glaubst du: Ist das MI-Siegel irgendwann überflüssig, wenn sowieso irgendwann alle KI nutzen?
Das glaube ich nicht. Das Siegel versichert ja, dass qualitativ hochwertig mit KI gearbeitet wird. Der Bedarf an Qualität wird bleiben. Die KI-Tools werden vielleicht besser und leistungsfähiger. Aber es wird auch in Zukunft den Menschen brauchen, um die Qualität des Endprodukts zu prüfen und zu beurteilen. Dazu braucht es Fachwissen und Erfahrung. Das können nur Leute beurteilen, die wissen, was gute Texte ausmacht. Ein Vergleich: Ich könnte mir mit einem 3-D-Drucker vielleicht eine Vespa ausdrucken lassen. Aber ich könnte nicht beurteilen, wie gut die ist, weil ich keine Ingenieurin bin. Das kann ich auch dann nicht, wenn der 3-D-Drucker hervorragend ist. Deswegen glaube ich, dass es die Expert*innen in den Kreativberufen auch weiterhin braucht und damit auch das Siegel.
Wie kann ich das Siegel genau einsetzen, um die Kundschaft für mich zu gewinnen?
Im Internet steht ein Kodex mit neun Punkten. Darin wird eine bestimmte Arbeitsweise beschrieben. Wenn man dieser freiwilligen Selbstverpflichtung zustimmt und sie unterzeichnet, bekommt man das Siegel menschliche Intelligenz in Form von kleinen Bilddateien zugeschickt. Die können zum Beispiel in die E-Mail-Signatur integriert werden, um nach außen zu zeigen: „Ich trage das Siegel und ich arbeite auf diese Art und Weise.“ Ich kann das Siegel aber auch unter meine Arbeitsergebnisse setzen. Man kann es auch den Unternehmen zur Verfügung stellen für deren Nachhaltigkeitsbericht, denn es geht ja auch um soziale Nachhaltigkeit: Menschen werden nicht durch Maschinen ersetzt.
Wie sieht das Preismodell für das Siegel aus?
Das Siegel ist ein Lizenzmodell. Man kauft sich die Lizenz, das MI-Siegel tragen zu dürfen für ein Jahr für die Berufsgruppe, in der man unterwegs ist. Eine Jahreslizenz kostet 120 Euro. Neben dem Siegel bilden wir aber auch die Siegeltragenden und interessierte Unternehmen weiter. Wir bieten zum Beispiel aktuell einen Workshop an zum Thema „KI und Content-Qualität“. Darin geht es um Fragen wie: Was ist eigentlich Qualität? Wie kann ich Qualität hochhalten, selbst wenn ich KI nutze? Was muss ich wissen, um effizient mit KI zu arbeiten?
Wie stehen Sie zur künstlichen Intelligenz und dem MI-Siegel? Verraten Sie es mir im Kommentar!
Übrigens: Wenn Sie noch weitere spannende Interviews mit Fachleuten lesen möchten, stöbern Sie doch mal in meiner Reihe „textwelten im Gespräch“.

Hallo liebe Henrike,
KI ist Himmel und Hölle zugleich.
Himmel? Für mich: Auf Knopfdruck einen „Buddy“ zum Brainstorming zu haben, das kurbelt meine Kreativität an, und bei sehr komplexen Texten kann mir die KI einen Erklärungsansatz liefern, auf dessen Basis ich gezielt nach realen Quellen recherchieren kann (Der KI vertrauen? Besser nicht).
Hölle? Das richtige Maß an Recherchezeit und Chatdauer zu finden, denn als Wissensliebhaberin kann ich mich da leicht verzetteln. Auch zu entscheiden, auf welche der unzähligen Tools ich setzen soll.
Hölle ist die KI auch, wenn ich es nicht schaffe, meinen Übersetzungs- und Copywriting Kund*innen aus der Gesundheitsbranche zu vermitteln, dass ich im Gegensatz zur KI verlässliche Ergebnisse liefer und nicht halluziniere. Oder eben nachfrage, wenn etwas unklar ist. Das kann die KI sehr schlecht.
Und Wahnsinnshölle der Gedanke, dass durch die KI immer mehr „Slop“ produziert wird. Schrottinhalte, die das Internet vermüllen. Es ist jetzt schon schwierig, zwischen Fake und Wahrheit im Web zu unterscheiden, und das wird nicht besser.
Vielen Dank für das Interview! Überzeugt mich immer mehr, das MI-Siegel zu kaufen!
Liebe Birgit, da bringst du KI gut auf den Punkt. Das Brainstorming ist mein häufigster Anwendungsbereich von KI. Alles Weitere finde ich überaus kritisch. Gerade bei Texten kommt dann ja noch hinzu, dass wir nachweislich weniger originelle Ideen entwickeln, wenn wir bestehende Texte überarbeiten. Mit anderen Worten: Es macht einen großen Unterschied, ob wir erst selbst denken und schreiben und dann mithilfe der KI weiterentwickeln oder erst die KI ran lassen und auf dieser Basis weiterarbeiten. All das wird noch viel zu unkritisch gesehen. Ich finde es deshalb ebenfalls enorm wichtig, dass es so ein Siegel gibt. Damit können wir uns als kritische und vor allem aufgeklärte Geister aus dem allgemeinen Hype abheben.