Tool-Test: narratiQ

Im aktuellen Tool-Test schaue ich das recht neue Analysetool narratiQ an. Dabei handelt es sich um eine KI-gestützte Anwendung aus Deutschland – sie sollte demnach DSGVO-konform sein, auch wenn die Website darüber nichts verrät. Sie richtet sich explizit an Verlagslektor*innen und soll diese nicht ersetzen, sondern ihnen die Arbeit erleichtern.

Da viele freie Lektor*innen ebenfalls für Verlage arbeiten, bin ich neugierig: Ist das Tool auch im freien Lektorat nützlich? Wie arbeitet es? Ich habe den Test gemacht, stelle die Anwendung kurz vor und komme zu einer Bewertung.

Was ist narratiQ?

narratiQ ist ein KI-gestütztes Analysetool für Manuskripte. Innerhalb von Minuten erstellt die Anwendung Analysen von erzählerischen Texten. Es richtet sich ausdrücklich an Verlagslektor*innen. Das Ziel ist es, ihnen die Arbeit zu erleichtern und eine Vorauswahl zu treffen. So könnten alle Manuskripte gesichtet und kein Bestseller übersehen werden. Diese Vorauswahl ersetze dann jedoch nicht die professionelle Textarbeit im Lektorat.

Zugegeben, das klingt verlockend. Aus eigener Verlagserfahrung weiß ich, dass die Sichtung von Manuskripten viel Zeit in Anspruch nimmt. Als mittlerweile selbstständig arbeitende Lektorin sichte ich keine belletristischen Manuskripte mehr für Verlage. Allerdings tun viele andere freie Lektor*innen das und sollen in Verlagsauftrag Gutachten erstellen. Hier gibt es also eindeutig eine Überschneidung der Zielgruppe.

NarratiQ verspricht:

  • inhaltliche Zusammenfassungen in verschiedenen Längen
  • Bewertung der literarischen Qualität
  • Analyse von Plot, Dramaturgie und Figuren
  • Bewertung, ob das Manuskript zum Verlagsprofil passt
  • Beurteilung von Schreibstil und Erzähltempo
  • Prognose des erforderlichen Lektoratsaufwands

Schauen wir genauer hin, wie diese Art der Manuskriptanalyse aussieht.

Kategorien der Manuskriptanalyse

Auf der Website lädt narratiQ dazu ein, das Tool gratis zu testen. Diese Einladung habe ich mit einem vom Autor dafür freigegebenen Manuskript vorgenommen. In der Tabelle liste ich die Kategorien auf und zeige, was genau in diesen Kategorien bewertet und wie die Bewertung dargestellt wird.

AnalysekategorieWas wird bewertet?Ausgabeformat
ÜbersichtInhalt, Protagonist, Antagonist, Setting, Zielgruppe, GenreKurzübersicht
ZusammenfassungHandlung in drei Längen (kurz, mittel, detailliert)Fließtext
Plot + DramaturgieSpannungskurve, Wendepunkte, FigurenentwicklungGrafik + Beschreibung
ExzerpteBeispielszenenZitate + Einordnung
CharaktereHaupt- und Nebenfiguren, Antagonisten mit MotivationTabelle
PassungPassung zu Verlagsprofil, Genre, ZielgruppeProzentwert + Ampel
Stil + ErzähltempoLesbarkeit, Tempo, Spannung, DialoganteilBewertungsskala 1–5
Dark RomanceSpice-Level, Tropes, Content WarningsTabellen und Listen mit Punktvergabe und Prozentwert

Die Analyse ist umfangreich – immerhin 16 Seiten PDF werden mir ausgespielt. Das wirkt auf den ersten Blick beeindruckend, ebenso die vielfältigen Kategorien. Wie fällt das Urteil auf den zweiten Blick aus? Wie aussagekräftig ist die Analyse?

Analyse der Analyse

Zusammenfassung

Eine inhaltliche Zusammenfassung ist definitiv sinnvoll. Die drei verschiedenen Längen kommen mir etwas wie Spielerei vor. So oder so gibt die Zusammenfassung eine erste Orientierung und mehr soll sie wohl auch nicht leisten. Interessanterweise schließt die Zusammenfassung mit einem Elevator Pitch ab, mit dem sich der Autor beim Wunschverlag mit diesem Manuskript bewerben kann. Hier habe ich gestutzt: Autor*innen sind ja eigentlich gar nicht Zielgruppe des Tools. Wozu also der Elevator Pitch?

Plot und Dramaturgie

In dieser Kategorie werden die Spannungskurve, Wendepunkte und die Figurenentwicklung analysiert. Ganz richtig erkennt das Tool, dass die Erzählweise in meinem Beispiel linear ist. Der Spannungsbogen wird als Grafik dargestellt, in der von drei Akten ausgegangen wird. Diese Darstellung ist für mich etwas undurchsichtig. Im Beispiel gibt es keine Akte und auch kein Pendant, das sich so interpretieren ließe. Wie die Kurve zustande kommt, ist mir nicht ganz klar. Offenbar wird die Spannung mit einem Prozentwert versehen. Hoher Wert gleich hohe Spannung? Das kann ich nur vermuten. Laut Analyse bewegt sich die Spannung zwischen 45 und 60 Prozent. Was heißt das genau? Ich sehe allerdings anhand der Kurve immerhin, dass es keine drastischen Spannungsspitzen und auch keinen langsamen Spannungsaufbau gibt.

narratiQ identifiziert unter dem Stichwort „Wendepunkte“ fünf Szenen im Roman und benennt diese auch. Eine weitere Bewertung dazu gibt es jedoch nicht, das Ergebnis wird lediglich konstatiert. Anhand dieser Analyse kann ich jedoch erkennen, dass es vermutlich eine funktionierende Dramaturgie der Handlung gibt.

Darauf folgen zwei Analysen, die mir gar nichts sagen. Unter „Charakterbögen“ werden die Protagonistin sowie zwei Antagonisten aufgezählt und mit einem Prozentwert für die Entwicklung versehen. Weder wird dieser Prozentwert genau entschlüsselt. Noch gibt es Beispiele oder gar eine Erklärung. Ich muss hinnehmen, dass sich die Protagonistin offenbar zu 85 Prozent entwickelt.

Was mir ebenfalls etwas unverständlich bleibt, sind die sogenannten Metriken. Auch hier nur drei dürre Aufzählungen mit Prozentwert: Tempo-Konsistenz, emotionales Engagement und Gesamtstärke des Bogens. Mit dem Bogen ist vermutlich der Spannungsbogen gemeint, aber der wurde doch oben schon analysiert. Wessen emotionales Engagement ist gemeint?

Wertvoll finde ich den Abschluss dieses Analysekriteriums mit Stärken und Schwächen. Hier wird eindeutig benannt, was gut funktioniert und was verbessert werden könnte. Allerdings stimme ich mit narratiQ nicht ganz überein. Bei drei gefundenen Stärken kann ich nicken, bei der „tiefen inneren Entwicklung der Protagonistin mit nachvollziehbarer Reflexionslinie“ muss ich entschieden den Kopf schütteln. Ich habe damals ausdrücklich darauf hingewiesen, dass diese Entwicklung zu wenig ausdifferenziert und zu vorhersehbar ist – beides klare Schwächen in der Qualität eines Romans.

Exzerpte

Die Exzerpte finde ich eine gute Funktion. Hier wird der Text auf bestimmte Elemente wie innerer Monolog oder Selbstreflexion analysiert, außerdem werden typische Szenen benannt. Für diese Elemente werden Zitate aus dem Manuskript angeführt und anhand eines Prozentwertes angegeben, wie häufig diese Art Exzerpt im Text insgesamt vorkommt. Schließlich wird der Stil dieser Exzerpte beschrieben. Allerdings muss ich auch hier klar sagen: Ich stimme mit der Bewertung nicht überein. Die größte Schwäche des Manuskripts lag im Sprachstil, der zu umgangssprachlich und hölzern daherkam. Gemeinsam haben wir hier viel Arbeit aufgewendet. Bei narratiQ liest sich die stilistische Bewertung eher positiv.

Charaktere

Die Figurenübersicht ist differenziert: Alle Protagonisten, Antagonisten und Nebenfiguren werden mit ihren Motivationen und Zielen aufgelistet. Wichtiger als diese inhaltliche Fleißarbeit ist die Bewertung nach Stärken und Schwächen – wie überzeugend sind die Figuren? Die Schwächen werden hier diplomatisch als „Risiken“ bezeichnet und bringen auf den Punkt, was ich auch sehe: Insbesondere die Nebenfiguren bleiben blass und schablonenartig. Damit wirken sie wenig lebendig. Bei narratiQ klingt diese Analyse allerdings viel zurückhaltender: „Die starke Subjektivität (der Protagonistin, Anm. von mir) begrenzt Perspektiven der anderen Figuren und kann sie einseitig wirken lassen. Die vielen Personen können Leser*innen überfordern und wirken teils episodisch. Die antagonistischen Figuren erscheinen häufig nur aus der Konfliktperspektive, die Innenwelt bleibt weitgehend ausgespart.“

Passung

Schließlich das Herzstück für das Verlagslektorat: Passt das Manuskript zum Haus? Hier sei erst einmal erklärt, dass für die Analyse zuvor ein Verlagsprofil ausgewählt werden muss. Das war in meinem Fall fiktiv.

Die Passung wird in einem Balkendiagramm dargestellt mit den Werten Gesamtpassung, Genre-Passung, Stil-Passung, Themen-Passung, Zielgruppen-Passung und Konsistenz-Passung. Was es mit den verschiedenen Passungsarten auf sich hat, wird nicht erklärt, insbesondere unter Konsistenzpassung kann ich mir im Hinblick auf einen Verlag wenig vorstellen. Immerhin verrät mir die Farbskala zu den Prozentwerten, dass es offenbar eine große Passung gibt: Alle Werte bis auf einen stehen auf Grün.

Ebenfalls wertvoll: Auf die Passung folgen die Handlungsempfehlungen. Es wird konkret gesagt, welche Szenen gestrafft und welche Figuren schärfer gezeichnet werden sollen. Der Bewertung stimme ich zu.

Stil und Erzähltempo

Die Stilanalyse bleibt insgesamt oberflächlich. narratiQ bewertet die Stilvariation mit 3 von 5 Punkten und die kognitive Belohnung mit 4 von 5 Punkten. Was ist damit gemeint? Wofür stehen die Punkte? Wie kommen sie zustande? Für eine fundierte Stilbewertung, wie sie erfahrene Lektor*innen vornehmen, reicht die Analyse nicht aus. Über Ausdrucksweise, Sprachrhythmus, Bildsprache oder besondere Eigenheiten wird wenig bis nichts gesagt.

Dark Romance

Diese Kategorie war voreingestellt und für mein Beispielmanuskript irrelevant. Die Passung betrug daher auch nur 10 Prozent, was stimmig ist. Offenbar ist angedacht, in Zukunft weitere Genres zu hinterlegen und diese mit spezifischen Analysekriterien anzureichern. Das wäre definitiv sinnvoll. Nach Rücksprache mit den Betreibern ist das jedoch derzeit noch nicht geschehen. Spannende für Verlage ist, dass hier direkt verwertbare Zitate für BookTok mitgeliefert werden, außerdem Hashtags, die im Marketing auf Social Media sinnvoll sind.

Nutzen für das freie Lektorat

Und nun die entscheidende Frage: Ist narratiQ für freie Lektor*innen nützlich? Das hängt natürlich stark davon ab, wie die eigene Tätigkeit gestaltet wird.

narratiQ ist vorrangig für Verlagslektor*innen konzipiert, die täglich Dutzende Manuskripte sichten müssen. Für sie kann das Tool tatsächlich Zeit sparen: Eine erste Vorauswahl anhand der genannten Analysekategorien ist schneller als das vollständige Lesen jedes Manuskripts.

Für freie Lektoren sieht die Situation anders aus.

Szenario 1: Manuskriptbewertung für Verlage

Wer für Verlage Gutachten erstellt, könnte narratiQ nutzen. Die automatisch generierten Zusammenfassungen und die Strukturanalyse sparen Zeit beim ersten Durchgang. Allerdings verlangt ein professionelles Gutachten mehr als das. Für eine fundierte Aussage über Stil, und konkreten Überarbeitungsbedarf muss dann wohl doch ein Blick ins Manuskript her.

Szenario 2: Lektorat für Autor*innen

Wer im Lektorat direkt für die Autor*innen am Text arbeitet, wird wenig Nutzen von narratiQ haben. Zwar benennt das Tool Schwachpunkte, die Analyse bleibt jedoch zu oberflächlich. Konkrete Hinweise auf zu bearbeitende Textpassagen fehlen, ebenso wie Alternativvorschläge. Hier ist narratiQ also kein Ersatz für das Lektorat.

Szenario 3: eigene Manuskripte

Interessant ist das Tool vielleicht für Autor*innen, die sich auf Verlagssuche begeben. Sie könnten die eigenen Manuskripte prüfen lassen und erstens herausfinden, welche Verlage überhaupt passend sein könnten. Zweitens werden sie auf Schwachpunkte hingewiesen. Das wiederum könnte – ich darf träumen – ein Argument für das Engagement einer Lektorin oder eines Lektors sein.

Die Kostenfrage

Übrigens: narratiQ nennt auf der Website keine Preise. Das finde ich problematisch, denn ein Test kostet viel Zeit und für die Beurteilung des Nutzens spielt natürlich auch das Geld eine Rolle – insbesondere im freien Lektorat. Hier wäre ein transparenter Kostenplan sehr wünschenswert.

Spannend, aber ausbaufähig

Nach meinem Test komme ich zu dem Schluss, dass narratiQ ein spannendes Tool ist. Es hat viele nützliche Funktionen, wendet sich aber vorrangig an Verlage. Für das freie Lektorat ist die Anwendung wohl eher nicht sinnvoll. Das liegt vor allem daran, dass die Stilbewertung sehr oberflächlich bleibt und viele Analysen etwas undurchsichtig sind.

Welche Tools zur Textanalyse nutzen Sie? Verraten Sie es mir im Kommentar!

Übrigens: Wenn Sie sich für die Möglichkeiten von KI im Belletristiklektorat interessieren, kommen Sie doch in meinen Workshop!
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