Weihnachtsgrüße gehören für mich zum Dezember wie der Spekulatius zum Glühwein: Ohne sie fehlt etwas. Allerdings ist auch bei mir der Dezember oft von vielen Terminen geprägt. Vor der angeblich besinnlichen Zeit der Feiertage wollen etliche Projekte zum Abschluss gebracht werden. Das hohe Arbeitspensum fällt zusammen mit Geschenkejagd, Plätzchenbackmarathons und der Erkältungszeit. Was liegt also näher, um sich der Effizienz verheißenden KI hinzugeben? Weihnachtsgrüße mit künstlicher Intelligenz also.
Ob das gut geht? Immerhin habe ich einen Ruf zu verlieren! Als Texterin stehe ich unter dem Erwartungsdruck, kein Einheitsblabla zu verfassen. Gar nicht so leicht bei einem so innovationsresistenten Thema wie Weihnachten. Als Trainerin mit Schwerpunkt auf KI-Themen sollte es mir aber doch eigentlich gelingen, das Beste herauszukitzeln aus der künstlichen Intelligenz.
Ich habe Weihnachtsgrüße mit KI getestet, mit unterschiedlichen Prompts für verschiedene Modelle. Das kam dabei heraus.
Versuchsreihe 1
Ich habe mich für einen relativ kurzen Prompt entschieden, denn die Aufgabe klingt ja erst einmal einfach: Weihnachtsgrüße mit KI. Ich wollte sehen, wie weit die KI mit nur wenigen Infos kommt. Außerdem soll die KI ja so effizient sein und in wenigen Sekunden Brauchbares produzieren. Schauen wir mal. Der Prompt lautete:
Mach mir zehn Vorschläge für originelle Weihnachtsgrüße an meine Kundschaft. Berücksichtige dabei meine Dienstleistungen: Lektorat, Werbetext, Workshopangebote. Die Grüße sollen kurz und knackig sein und maximal vier Sätze umfassen.
Rolle, Zielgruppe, Textsorte und Textlänge sind festgelegt. Die Tonalität ist eher knapp mit „originell“ umschrieben. Die Kundschaft nicht näher bestimmt. Beides könnte man deutlich spezifizieren, das ist klar. Diesen Prompt habe ich bei ChatGPT, Claude und Gemini eingegeben. Ich möchte nicht alle 30 Vorschläge hier auflisten, zumal Sie den Prompt ja selbst ausprobieren können.
Zwei Ergebnisse habe ich für mich mitgenommen:
- Sprachlich liefert ChatGPT das beste Ergebnis der drei KIs.
- Sprachlich sind alle drei Modelle unzureichend.
Bei allen dreien wurden mir Vorschläge gemacht, die viel zu generisch klingen. Zum Beispiel so:
- Ein herzliches Dankeschön für ein Jahr voller inspirierender Projekte. Mögen Ihre Worte auch 2026 wirken und bewegen. Schöne Feiertage!
Oder so:
- Frohes Fest! Danke, dass ich Sie in Workshops, Texten und Lektoraten begleiten durfte. Auf ein neues Jahr voller klarer Botschaften und guter Zusammenarbeit.
Das ist leeres Blabla und völlig austauschbar. Noch schlimmer sind typische KI-Vorschläge wie dieser hier:
Ich wünsche Ihnen stille Nächte und starke Texte. Danke für die wunderbaren Projekte dieses Jahres – auf viele neue Impulse im nächsten!
Warum um alles in der Welt sollte ich meiner Kundschaft stille Nächte wünschen? Mir kommen merkwürdige Assoziationen von Bombennächten in Kiew bis hin zu schreienden Neugeborenen. Nichts, was mit Weihnachten zu tun hätte. Als Texterin weiß ich: Metaphern und Vergleiche nur dann einsetzen, wenn die Assoziationen eindeutig in die gewünschte Richtung führen. Das ist hier nicht der Fall. Für diese Weihnachtsgrüße mit KI stand offenbar ein berühmtes Weihnachtslied Pate. Weil die KI aber nicht kontextuell arbeitet, ist sie hier falsch abgebogen.
Versuchsreihe 2
Der erste Anlauf, Weihnachtsgrüße mit KI zu schreiben, war also unbefriedigend. Deshalb ein zweiter Versuch. In meinen KI-Workshops bringe ich den Teilnehmenden ein paar Kniffe bei, wie man sich von der KI beim Prompten helfen lassen kann. Zwei davon habe ich angewendet:
- Problemanalyse
- Prompthilfe
Im ersten Schritt habe ich die KI um eine Analyse gebeten. Der immer noch recht kurze Prompt – ich will ja Zeit sparen, KI soll doch effizient sein! – lautet so:
Du bist selbstständige Lektorin, Texterin und Trainerin für Schreibworkshops. Deine Kundschaft sind andere Freiberufler und Unternehmenskunden sowie Marketingagenturen. Du möchtest zu Weihnachten einen kurzen Gruß schicken. Der Gruß soll ein bisschen originell und witzig sein. Analysiere, worauf bei so einem Gruß zu achten ist, damit er positive Aufmerksamkeit erregt und die Geschäftsbeziehung stärkt.
Der Prompt ist etwas genauer als in Versuch 1. Die Kundschaft ist klarer benannt. Das Ziel des Grußes wird ebenfalls genannt und die Tonalität ist mit „witzig“ genauer gefasst. Gesagt, getan. Die nachfolgende Analyse ist bei allen KIs ziemlich zutreffend. Professionell, aber persönlich sollte der Gruß geschrieben sein, etwas Wortwitz sei bei meiner Branche erlaubt, natürlich sei Wertschätzung erforderlich, außerdem Kürze und ein Hauch Individualität. Stimmt alles. Wie das genau zu erreichen ist, steht da nicht, aber das hatte ich ja auch nicht gefragt. Die Analyse ist auch ein bisschen oberflächlich, allerdings ist mein Prompt das ja auch. Hm.
Nächster Schritt also: Die KI soll einen passenden Prompt schreiben, der diese Analyse beherzigt. Der Vorschlag von ChatGPT klingt so:
Verfasse einen kurzen, originellen und leicht witzigen Weihnachtsgruß für meine Kundschaft. Ich bin selbstständige Lektorin, Texterin und Trainerin für Schreibworkshops, meine Kundinnen sind Freiberufler, Unternehmen und Marketingagenturen. Der Gruß soll professionelle Leichtigkeit ausstrahlen: humorvoll, aber subtil und geschmackvoll. Verwende gern ein einzelnes sprachbezogenes Wortspiel oder eine kreative Formulierung, aber ohne Übertreibung. Der Text soll echte Wertschätzung ausdrücken und die Zusammenarbeit des vergangenen Jahres würdigen. Gleichzeitig soll er die Geschäftsbeziehung stärken, indem er unaufdringlich Vorfreude auf neue gemeinsame Projekte signalisiert – ohne Sales-Ton. Halte den Gruß kurz, klar und gut lesbar. Er darf gerne eine kleine individuelle Note oder einen strukturellen Kniff (Mini-Metapher, Micro-Story, rhythmische Formulierung) enthalten. Ziel: Der Weihnachtsgruß soll positive Aufmerksamkeit erregen, meine sprachliche Kompetenz sichtbar machen und sympathisch in Erinnerung bleiben.
Das klingt ziemlich gut, oder? Ich fühle mich grundsätzlich noch im Effizienz-Zeitfenster. Ich habe mir nicht viel Mühe mit dieser Prompterei gegeben, würde also im Vergleich zum selbst geschriebenen Weihnachtsgruß noch Zeit sparen. Deshalb bitte ich die KI, diesen Prompt anzuwenden und mir zehn Vorschläge auszuspucken.
Ich erspare Ihnen alle Ergebnisse und zitiere nur die Highlights:
- Frohe Weihnachten! Möge Ihr Jahresabschluss so glatt laufen wie ein Text ohne Fußnoten-Chaos.
- Danke für das Vertrauen in meine Worte und mein rotes Korrekturstift-Universum.
- Weihnachten: die perfekte Zeit, um Satzzeichen zu entspannen und Gedanken auszuklammern. Vielen Dank für die tolle Zusammenarbeit.
- Ich wünsche Ihnen erholsame Weihnachten und einen Jahreswechsel ohne Tippfehler. Auf neue gemeinsame Formulierungsabenteuer!
- Danke für ein Jahr, das mit Ihnen sprachlich und menschlich gut gefüllt war.
Was soll ich sagen? Würden Sie sich freuen zu hören, dass Sie ein Jahr menschlich gut gefüllt haben? Haben Sie an Silvester Angst vor Tippfehlern? Wie oft irren Sie durch Fußnoten-Chaos und – wollen Sie ausgerechnet an Weihnachten daran erinnert werden? Wie genau sorgen Sie eigentlich für entspannte Satzzeichen?
Sie sehen schon, ich bin quite amused, aber nicht überzeugt.
Weihnachtsgrüße mit KI?
Mein Urteil fällt eindeutig aus. Meine Weihnachtsgrüße werde ich auch in diesem Jahr ohne künstliche Intelligenz schreiben. KI ist nicht so effizient, wie viele glauben. Für gute Ergebnisse braucht es mehr als ein paar schnell reingetippte Prompts wie hier. Die wiederum kosten Zeit.
Viel wichtiger aber: Der Prompt setzt ja auf Individualität und Sichtbarkeit. Ich soll als Henrike Doerr im Text durchscheinen und meine Kundschaft soll sich gesehen und angesprochen fühlen. Die KI kennt aber weder mich noch meine Kundschaft. Wirklich individuell und persönlich werden Texte also doch wieder nur dann, wenn ich selbst Hand anlege.
Als Inspiration hat mir die KI aber wieder einmal gute Dienste geleistet. Zwar nicht für die Weihnachtsgrüße, aber doch immerhin für diesen Blog-Post. Frohe Weihnachten!
Übrigens: Wenn Sie lernen wollen, wie man richtig gut promptet – auch für Weihnachtsgrüße – dann kommen Sie doch in einen meiner zahlreichen Workshops!
